Bühne

Die Kräfte hinter den Wundern

Von
Michael Hunziker

Konnte Burkard Wunder bewirken?

Der Heilige Burkard wird seit dem 12. Jahrhundert für seine Wunder verehrt. Nun nimmt sich das Freilichttheater der Legende in einem Theaterspiel an.

Nicht selten wünscht sich unsereiner in eine Zeit zurück, in der das Wünschen noch geholfen hat – gerade in einer Gegenwart, die scheinbar nur durch ein Wunder ausgesöhnt werden kann. Walter Küng konfrontiert uns zusammen mit dem Freilichttheater Beinwil im Freiamt genau mit diesem fatalen Gedanken, der doch so schief in unserer rationalen Weltauffassung steht. Das Stück «Keis Wunder – es Wunder» widmet sich der Legende des Heiligen Burkard aus Beinwil, der seit dem 12. Jahrhundert für Wunder aller Art verantwortlich gemacht wird (also auch aus dem Jenseits) und im 19. Jahrhundert vom Vatikan auch im zweiten Anlauf nicht heilig gesprochen wurde.

Das Freilichttheater, das in und um Beinwil an verschiedenen Schauplätzen spielt, dreht sich um zwei Hauptfiguren, die einander antagonistisch, ja dialektisch gegenüberstehen. Da ist der Dorfhistoriker, der die Legende vom Burkard plausibilisieren will, mit einem emotionalen Eifer, der ihn für die kritischen Aspekte blind macht, und ein Dorfnarr, der eben diese Pseudovernunft des Historikers offenlegt. Flankiert wird dieses Duo von rund 50 Mitwirkenden, professionellen Theaterleuten und Laienschauspieler*innen. 

Wer war denn dieser Burkard überhaupt, der auf den Ikonografien stets mit einem Raben abgebildet ist, den er ins Leben zurückgerufen hatte, um weiter mit ihm Zwiegespräche zu führen? Einer, der die Gabe hatte, die Grenze zwischen Leben und Tod zu verschieben und auch Menschen aus dem Jenseits zurückholen konnte? 

Regisseur Walter Küng hat sich unter anderem mit dem sogenannten Mirakelbuch auseinandergesetzt, in dem Hunderte von solchen Wundertaten des Burkard «dokumentiert» sind und welches als Beweismittel für die Heiligsprechung hinzugezogen wurde. «Solche Archivalien sind vor allem ein Zeugnis der Rezeption. Sie zeigen den Umgang mit der Figur», erklärt Küng. «Über Burkard selbst ist wenig bekannt.» Die Legenden zeichnen ihn als Volksheiligen, der nahe bei den einfachen Menschen war, deren Nöte und Sorgen verstand und für sie eine Säule war, um mit dem nach christlichem Verständnis zugelosten Schicksal fertig zu werden.

Das Stück beginnt mit drei auf diese Weise im Mirakelbuch «verbrieften» Wundern, die sich im 18. Jahrhundert, also rund 500 Jahre nach Burkards Tod, ereigneten: Ein hoffnungsloser Mann betete zu Burkhard und fand endlich eine Frau. Ein Kind konnte eine verschluckte Kugel erbrechen, nach dem es mit Burkard-Wasser behandelt wurde, und dieses Wasser half tröpfchenweise im Tee verabreicht auch einem hoffnungslos Kranken. Nach drei Tagen war er geheilt. 

Schwankhaft hebt die Handlung ab und lotet in der Folge das Dilemma des Menschen aus, allein, hilfsbedürftig und voller Fragen auf der Welt zu stehen. Mit dieser existenziellen Verlorenheit lassen sich vielleicht auch merkwürdige Bräuche erklären, die sich um den Heiligen gebildet haben: In der Krypta in der Pfarreikirche zu Beinwil, wo die Burkard-Reliquien ruhen, gab es, wie ein alter Stich zeigt, eigens ein Loch, in das man seine Körperteile hineinhalten konnte, um sie zu heilen. Wie der gegenwärtige Longevity-Hype haben auch Heilige eine ökonomische Dimension. Sie ziehen Pilger und Wahlfahrerinnen an und sind somit ein wichtiges Element der Tourismusförderung.

Walter Küng hat ein aktuelles Stück um Mythenbildung geschrieben, in dem das Wunder in der Frage besteht, wer daran glaubt. «Wir hoffen stets, dass etwas Aussergewöhnliches, Wundersames passiert. Diese Naivität finde ich bemerkenswert,» sagt Küng. Denn: «Wunder geschehen doch, wenn überhaupt, aus der eigenen, persönlichen Leistung heraus.» Das Freilichttheater zeigt die ambivalente Spannweite des Wunderglaubens quasi direkt am Ort des Geschehens. Vielleicht sendet Burkard ja ein Zeichen: Schönes Wetter, Vogelgezwitscher und neuen Mut.

BEINWIL / FREIAMT Freilichttheater, Fr, 7. August bis Sa, 5. September, div. Vorstellungen

freilichttheater-beinwil.ch