Literatur

Die Klinik im Text

Von
Salomé Meier

Ist die psychische Krankheit der Eltern vererbbar? Leon Engler schreibt aus der vorbelasteten Familiengeschichte. Foto: Niklas Berg

Texte aus der Psychiatrie haben eine lange Tradition. Das Aargauer Literaturhaus Lenzburg widmet ihnen eine Reihe.

Die Psychiatrie ist ein Ort der Diagnosen und der Geschich ten. Seit dem 19. Jahrhundert dient sie der Literatur als Bühne: als Anstalt, als Ordnungssystem, als sprachmächtige Institution, die festlegt, was als «normal» gilt – und was nicht. Während psychische Erkrankungen heute mit neuer Offenheit verhandelt werden und therapeutische Begriffe den Alltag prägen, erlebt auch der Psychiatrie-Roman eine neue Konjunktur, insbesondere in autofiktionalen Texten. Dabei rückt eine zentrale Frage ins Zentrum: Wer erzählt hier eigentlich wen? Sind es die Patient*innen oder sprechen die Akten, die Gutachten, die Diagnosen?

Ein Blick zurück zeigt, dass diese Verflechtung von Schreiben und psychiatrischer Erfahrung eine lange Geschichte hat: Ausgerechnet Conrad Ferdinand Meyer, der Autor grosser Historienromane, notiert in seinem Gedicht «Der geistes kranke Poet», ihm seien «Raum und Zeit» durcheinandergeraten, ein Text, den er einem Krankenpfleger diktierte. Er wurde 1893 in der Psychiatrie Königsfelden mit der Diagno se Dementia Praecox behandelt. An ebendiesem Ort findet auch eine Podiumsdiskussion der Reihe «Literatur aus der Psychiatrie» statt: Mit dem Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn, der jüngst eine Biografie zu C. F. Meyer vorgelegt hat, und dem Klinikleiter Marc Walter spricht die Autorin Svealena Kutschke. In ihrem Roman «Gespensterfische» entwirft sie das Panorama einer psychiatrischen Klinik über hundert Jahre hinweg – und entwirft dabei ein Bild psychischer Zustände, das über die reine Defizitlogik hinausgeht: Wie Gespensterfische Lebewesen sind, die sich an extreme Bedingungen anpassen und mitunter eigenes Licht erzeugen, erscheinen Neurosen und Psychosen hier auch als Formen der Anpassung an ein unwirtliches Umfeld.

Dass der Psychiatrie-Roman heute neue Dringlichkeit gewinnt, zeigen Autor*innen wie Thomas Melle, Simon Froehling oder Leon Engler, die eigene Erfahrungen literarisch reflektieren und die Grenzen zwischen Selbstbeschreibung und Diagnose ausloten. Die Reihe «Literatur aus der Psychiatrie» interessiert sich für diese Reibungsflächen. Sie liest den Psychiatrie-Roman nicht als Kuriositätenkabinett des Wahnsinns, sondern als Aus einandersetzung mit einer Institution, die Wirklichkeit ordnet – und zugleich erzählerisch herausgefordert wird. Neben der Podiumsdiskussion liest zum Abschluss der Reihe «Literatur aus der Psychiatrie» Leon Engler aus seinem Roman «Botanik des Wahnsinns» (s. nachfolgend).

Von Salomé Meier, Kuratorin der Reihe «Literatur aus der Psychiatrie»


Grundriss der Zürcher Irrenanstalt, besonders bemerkenswert, die Namen der Abteilungen. Bild: ETH-Bildarchiv

WINDISCH Klinik Königsfelden, Di, 5. Mai, 19.45 Uhr. Gespräch mit Marc Walter, Philipp Theisohn und Svealena Kutschke

LENZBURG Aargauer Literaturhaus, Fr, 29. Mai, 19.45 Uhr. Lesung Leon Engler

Botanik des Wahnsinns

Am Ende bleiben sieben Kartons. In diesen Kartons, gesta pelt in einem dunklen Lagerabteil in Wien, befinden sich ausgerechnet die Dinge, die meine Mutter aussortiert hatte: alte Rechnungen, Steuererklärungen, Müll.

Ich gehe die Kartons durch. Einer davon ist randvoll mit ungeöffneten Briefen. Schreiben von Inkassobüros und Anwälten, Vollstreckungsbescheide und fristlose Kündigun gen. Ihre Bedrohlichkeit haben die Briefe längst verloren. Die Poststempel darauf sind sieben Jahre alt. Ich setze mich auf den Boden, öffne den ersten Brief. Das Licht geht aus. Ich hebe meinen Arm. Das Licht geht wieder an.

Immer wieder stosse ich zwischen Schreiben von Ämtern und Anwälten auf Dankeskarten von Greenpeace und World Vision. Ihre Miete konnte meine Mutter nicht mehr zahlen, doch sie spendete noch Geld für den Bau von Trinkwasserbrunnen in Äthiopien und die vom Aussterben bedrohte Karettschildkröte. Bis zuletzt war es ihr wichtiger, zu helfen, als Hilfe in Anspruch zu nehmen. Drei Tage, bevor ihre Wohnung zwangsgeräumt werden sollte, rief sie mich an. Als sie mir davon erzählte, klang sie unbeteiligt, fast gut gelaunt. So, als würde es nicht ihr widerfahren, so, als hätte sie nur in der Zeitung davon gelesen. Nicht einmal das. Weder Selbstmitleid noch Mit leid lagen in ihrer Stimme.

Sie klärte mich darüber auf, was nun passieren würde, so, als würde sie mir ein altes Familien rezept für schlesische Mohn klösse durchgeben. In gewisser Weise war es ein altes Familienrezept, die Wohnung zu verlieren. Niemand hatte etwas geahnt. Schliesslich hatte sie ein paar Jahre zuvor noch einen sechsstelligen Betrag auf dem Konto gehabt. Viel leicht war sie selbst überrascht.

Denn ein Jahr lang hatte sie bereits keine Briefe mehr geöffnet. Morgens erwachte sie mit Panik und Todesangst. Durch den Tag schaffte sie es nur mit Alkohol. Hinzu kam eine schwe re Depression, die sie außer Gefecht setzte.

Ich lebte damals in Wien. Einen Tag vor der Räumung fuhr ich zu ihr nach München. Gemeinsam gingen wir durch ihre Wohnung. Auch ich war unbeteiligt, fühlte wenig bis nichts. Wir fühlten nicht mehr viel, sprachen nicht mehr viel. Schon immer herrschte eine seltsame Sprachlosigkeit in unserer Familie vor. Das Leben wurde gelebt, nicht besprochen.

Ich fragte meine Mutter, ob es Dinge gebe, die ich aufbe wahren soll. Alte Fotoalben? Den Schmuck ihrer Urgross eltern? Kinderzeichnungen? Sie schüttelte den Kopf. Das werde alles eingelagert. Jetzt sitze ich in der Lagerhalle und schüttle den Kopf. Ein Jahrhundert an Erinnerungen wurde im Heizkraftwerk Nord verbrannt. Am Tag der Zwangsräu mung sass ein Mann in ihrer Küche. Er, gross, alt, mit einem hängenden Gesicht, das an gewisse Hundearten erinner te, stellte sich vor. Meine Mutter hatte nun einen rechtlichen Beistand. Doch sie behandelte ihn, als sei er Möbelpacker eines Umzugsunternehmens, das sie selbst beauftragt hatte. Es sei sowieso an der Zeit für einen Ortswechsel, sagte sie kühl, während sie sich einen Kaffee in der Küche zubereitete, die gleich nicht mehr ihre sein würde.

Sie lachte. Dieses Lachen hat sich eingebrannt. Der Betreuer, ein routinierter Verwalter menschlichen Elends, wirkte im Kontrast zu ihr umso ernster.

Aus: Botanik des Wahnsinns. Von Leon Engler. DuMont Verlag, 2025.