Tagebuch aus London
Wie lebt man als chronisch kranke Künstlerin in einer Millionenstadt? London ist laut, verkehrsintensiv und ist diesen Sommer ausserordentlich heiss. Die Wege von Haus zu Haus dauern länger als in einer Stadt wie Zürich, und das überwältigende Angebot an Ausstellungen und Veranstaltungen lockt mich aus dem Studio.
Bereits auf dem Weg zur U-Bahn frage ich mich, wie ich mich in der Stadt bewegen kann, während ich an der sechsspurigen Strasse entlang gehe und der Motorlärm mein Trommelfell zum Vibrieren bringt. Durch meine Erkrankung an Long Covid ist mein Körper reizempfindlich und hat begrenzte Energie, deshalb muss ich mir Strategien überlegen. Ich kaufe zum Beispiel spezielle Ohrstöpsel, die die Hintergrundgeräusche der Stadt dämpfen, Gespräche aber weiterhin ermöglichen. Für Unternehmungen stelle ich mir einen Wecker. Nach zwei Stunden vor Ort prüfe ich meinen Gesundheitszustand und mache mich meist auf den Heimweg, bevor meine Energiereserven aufgebraucht sind. Pro Tag plane ich nur eine Aktivität und fahre oft morgens in die Stadt, wenn es noch kühler ist und weniger Menschen unterwegs sind. Ich benutze wenn möglich die klimatisierten Underground-Linien und trage stets das offizielle Hidden-Disabilities-Band bei mir.
Anstatt «Fear of Missing Out» zu spüren, übe ich mich in «Joy of Missing Out».
Für meine künstlerische Arbeit ist London ein Schlaraffenland. Ich besuche die Ausstellungen wie FLARE-UP im Goldsmiths CCA, gehe in die TATE mit Ausstellungen zu Frida Kahlo und Tracey Emin und sehe erstmals Emins wegweisende Arbeit My Bed von 1998. Im V&A Storehouse beginne ich, im Mode- und Performancearchiv nach Spuren von chronischer Krankheit und Behinderung anderer Künstler*innen zu suchen. Ein weiteres Highlight war die Modenschau von Sinéad O’Dwyer im V&A Museum zu anpassungsfähiger Kleidung für unterschiedlichste Körpergrössen und -formen. Zudem wurde ich an der University of the Arts London eingeladen, einen Handwebworkshop zu geben und den Studierenden des Master Intercultural Practices meine Praxis näher zu bringen.
Nach einem Monat in der Residenz, beginne ich nun, die ersten Eindrücke zu sortieren.
Nicole Frei (*1989) ist Kostüm- und Bühnenbildnerin und arbeitet an der Schnittstelle zwischen Design und darstellender Kunst. nicole-frei.com