Ausstellung

Der Sport und das Wir

Von
Mirjam Brunner

Tour de Suisse 1981, Sepp Fuchs am Mte. Bre.

«Sport – was uns bewegt»: Die neue Ausstellung im Stadtmuseum Aarau widmet sich dem Gesellschaftsphänomen des Sports, zwischen Wettbewerb, Spass und Leistungsdruck. Mirjam Brunner erzählt von ihrer kuratorischen Arbeit.

Läuft ein Sportereignis im Fernsehen, sind wir plötzlich alle ein bisschen Nationaltrainer, Skiexpertinnen oder leidenschaftliche Fans. Ein Fussballmatch, ein Skirennen – und schon entsteht dieses besondere «Wir»-Gefühl. Tritt das favorisierte Team oder jemand aus dem eigenen Land an, fiebern wir mit, hoffen, jubeln und ärgern uns über einen verschossenen Ball, als wären wir selbst beteiligt. Für einen Moment verbindet uns etwas mit Menschen, die wir gar nicht kennen. Und auch wenn dieses Gefühl nach der Ziellinie oder dem Schlusspfiff wieder leiser wird, ist es während des Wettkampfs erstaunlich stark. Und es ist einer von vielen Aspekten des Sports, denen das Stadtmuseum Aarau in der neuen Ausstellung «Sport – was uns bewegt» nachgeht.

Dieses Gefühl des Mitfieberns ist mir auch beim Vorbereiten der Ausstellung in den Pressefotografien des Ringier Bildarchivs begegnet. Historische Pressefotografien hielten die Emotionen des Sportereignisses und des Publikums vor Ort fest, um sie auf die Lesenden von Illustrierten und Zeitungen zu übertragen. Besonders eindrücklich sind zwei Bilder von der Tour de Suisse. Einerseits die Fans, die 1981 ohne Absperrung am Strassenrand am Monte Brè stehen und frenetisch dem Fahrer zujubeln. Gerade bei der Tour de Suisse, die einen niederschwelligen Zugang zum Rennen bietet, wird diese Nähe zwischen Fahrerinnen und Fahrern und dem mitfiebernden Publikum sichtbar. Auf der anderen Seite steht das Bild einer Traube von Fotografen aus den 1950er-Jahren, die einen Moment der Tour festhalten und zwischen Fans und Sportler*innen medial eine Verbindung herstellen.

Ein anderes Bild aus demselben Jahr zeigt die Teilnehmenden des Murtenlaufs 1981 – eine ganz andere Verbindung, die der Sport schafft. Kaum Jubel, keine Sportstars, kein Mitfiebern. Ein paar Zuschauende stehen zwar am Strassenrand, doch die eigentliche Gemeinschaft entsteht unter den Läuferinnen und Läufern selbst. Der Lauf wurde 1933 als Gedenklauf ins Leben gerufen und hat sich bis heute zum beliebten Volkslauf gewandelt. Auf diesem Bild steht nicht der Wettkampf im Zentrum, sondern das gemeinsame Laufen. Ähnliche Bilder des gemeinsamen Sporttreibens lassen sich im Archiv auch anderswo finden: etwa bei der Familie, die gemeinsam im Wohnzimmer zur Sport-Fernsehsendung turnte.

Über diese Form der Gemeinschaft, die durch gemeinsame Bewegung entsteht, haben wir für die Ausstellung unter anderem mit Anna gesprochen. Jeden Dienstag joggt sie mit dem Runclub 5000 in Aarau. Sie war neu in der Schweiz und körperlich nicht in Form, als sie das erste Mal mitlief. Sie spürte aber die Unterstützung der Gruppe, schätzte das Beisammensein danach und blieb dabei. Für sie entstand eine Verbundenheit, die nicht an der Ziellinie endete. Gerade die niederschwellige Form eines Runclubs, bei der man ohne Mitgliedschaft und Verpflichtung an einem wöchentlichen Lauf teilnehmen kann, scheint heute eine beliebte Form sportlicher Gemeinschaft zu sein. Eine Einzelsportart wie Laufen wird in der Gruppe zur gemeinsamen Sache – das gemeinsame Aufwärmen gehört ebenso dazu, wie der Austausch beim Getränk danach.

Was bewegt Sie persönlich am Sport – ist es das Gemeinschaftsgefühl beim Zuschauen oder das Mitlaufen? Oder schätzen Sie im Gegenteil die Ruhe, abzuschalten, allein zu sein und etwas für sich und Ihren Körper zu tun? Die Antworten darauf sind individuell – dass Sport uns aber verbindet, als Individuen wie als Gesellschaft, zeigt sich immer wieder. Bei mir verfliegt dieses Gefühl vor dem Fernseher oft schon mit dem Schlusspfiff wieder. Wer aber selbst mitläuft, statt nur zuzuschauen, wie Anna beim Runclub, dem bleibt es oft länger erhalten. Diesen unterschiedlichen Motiven und Perspektiven auf unser Sporttreiben geht die Ausstellung «Sport – was uns bewegt» im Stadtmuseum Aarau nach.

Mirjam Brunner ist Kuratorin am Stadtmuseum Aarau

Fotografen und Kameraleute an der 5. Etappe der Tour de Suisse.

Teilnehmerfeld des Murtenlaufs, Oktober 1981.

Familiengymnastik vor dem Fernseher, 1977.