Editorial

Der Knall, das gewisse Etwas

Von
Michael Hunziker

«Bitte beweisen Sie, dass Sie ein Mensch sind.» Diese Aufforderung begegnet uns immer öfter in unserer geliebten Matrix, in der wir uns so naiv wie Rotkäpchen verlustieren, während eiskalte Bots die Identitäten unserer Grossmütter stehlen (Enkeltrick 2.0). Die Bitte aus dem Reich des Untoten ist eine schöne Gelegenheit der Selbstversicherung. Ja, was macht mich eigentlich als Mensch aus? Die Fähigkeit, am richtigen Ort ein Häkchen zu setzen oder Strassen mit und ohne Fussgängerstreifen unterscheiden zu können? Die banale Dimension, die diese an sich tief philosophische Frage hier annimmt, gibt Anlass zur Beruhigung. So schlimm kann es mit KI also noch nicht bestellt sein, wenn sie nicht mal den Unterschied zwischen Pferd und Esel kennt.

Seit der Mensch über sich selbst nachdenken kann, also seit er aus der Paradies AG entlassen wurde, versucht er sich an dieser Frage. So will er in der Antike ein Tier sein, das lachen kann (Homo ridens – Aristoteles), doch darin sind Pferde genauso gut. Und wir kennen Menschen, die nie lachen. Mit Bestimmtheit ist er ein Zweibeiner ohne Federn, ein gerupftes Huhn, wenn man so will, doch das war ein Witz von Platon, der immerhin die erste Definition stützt. Ein politisches Wesen, okay, aber wir kennen sehr viele apolitische Exemplare. Ein Sprachwesen – aber Esel haben auch symbolische Interaktionen. Ein vernunftbegabtes Wesen? Die Geschichte, gerade die gegenwärtige, scheint das zu widerlegen. Im Mittelalter wird es esoterisch: der Mensch als Abbild Gottes (auf der Tastatur: control c / control v), das sich auf der Achse zwischen Körper (Tier) und Geist (Gott) bewegt (Thomas von Aquin). In der Neuzeit ist er ein Denkendes Ding (Descartes) oder bei Kant ein autonomes Subjekt, das sich seine Gesetze selbst geben kann. Auch hier scheint die Geschichte der Theorie zu widersprechen (das mit der Freiheit will nicht recht gelingen). Dann endlich Nietzsche: der Mensch als Prothesengott, der seine mangelartige Tierhaftigkeit kompensieren muss und sich dabei in etwas hineinsteigert – in den Grössenwahn (Übermensch 🙈) mit Waffen, Technik und unersättlichem Hunger nach Macht – unter dem Deckmantel des Normalen, versteht sich.

Halten wir es doch für den Moment mit der Psychoanalyse: Der Mensch hat ein Knall (… rotes Gummiboot). Wie käme er sonst auf solche Lieder? Oder auf so grossartige Literatur von C. F. Meyer, Robert Walser, Silvia Plath oder Virginia Wolf? Die Verzweiflung am Dasein wird zu einer produktiven Kraft, die den Schmerz in der Kunst aufscheinen lässt. Die Kämpfe dieser Autor*innen führten alle in die Klinik. Das Aargauer Literaturhaus Lenzburg blickt in der Reihe «Literatur aus der Psychiatrie» deswegen hinter die Klinikmauern.

«Glücklich die, die ein Symptom haben», hat einmal der Psychoanalytiker Erich Fromm gesagt. Also bleiben wir auf dem Boden und gestehen wir uns unseren Knall ein. Normen und Normalitäten sind Konstrukte der Macht, die ja so gerne die Konformen belohnt. Einen Schritt auf der wilde side wagen? Weiterklicken und losgeht's.