Editorial

Dai-Dai in der Foodchain

Von
Michael Hunziker

Hoffentlich hatten Sie erholsame Sommerferien. Denn jetzt wird wieder in die Hände gespuckt. Wir steigern das Bruttosozialprodukt. Der Sommerhit der Band Geier Sturzflug aus dem Jahr 1983 hat immer noch Gültigkeit, in seiner ganzen ironischen Tiefe. Arbeiten, Ferien machen, etwas Schönes kaufen, weiterarbeiten. Gerade die Eindimensionalität des Songs macht seine Tiefe aus. Guter Pop ist immer etwas ungeheuer für jene on top of the Foodchain, auch wenn bloss unverständlich von Sexfantasien und Grössenwahn genuschelt wird, wie Bad Bunny anlässlich des Superbowls. Sein Song dreht sich ja letztlich um völkerverbindende, grenzenlose Liebe. Nicht gerade das, was auf der politischen Agenda von Rechts steht (Stichwort erschwerter Familiennachzug).

Welches Lied hat eigentlich dieser Sommer hervorgebracht? Ah ja, die blankpolierte, mit dem Infantino-Gütesiegel versehene WM-Hymne von Shakira: «Dai-Dai». Alle, die schon mal in Italien in den Ferien waren, können übersetzen: Vörschi mache, mer wänd an Strand – dai-dai. Aber in diesem Lied geht es um Blut, Boden, Schweiss. Um stolzen Arbeitswillen, der nicht erlöschen darf, auch wenn er auf dem Weg zur Spitze der Pyramide zeitweise gebrochen wird … Ok, immer weiter träumen und nicht die Strukturen hinterfragen, in denen sich der ganze Blödsinn ereignet. So ziemlich das Gegenteil von Geier Sturzflug.

Da die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, sind wir guter Dinge, dass dieser Sommer nicht zu Ende geht, ohne a) ein Lied hervorgebracht zu haben, an das wir uns lieber erinnern als an die Infantino-Show, ohne b) die letzten Klima-Skeptiker*innen zu überzeugen, dass Umweltschutz vor Gewinnmaximierung stehen sollte (man beachte die Verwandschaft von Rösti und rösten), und c) ohne uns nochmals seinen ganzen subversiven Zauber spüren zu lassen. Beispielsweise am Fantoche, das unter dem Themenschwerpunkt «Calling Planet Earth» imaginäre Welten entstehen lässt, in denen gerade jenes problematische Verhältnis zwischen technischem Fortschritt, Wohlstand und Natur verhandelt wird. Hier könnte Shakria lernen, dass eben das blinde Malochen und Streben nach Reichtum, Rum und Macht direkt dazu führt, dass das Substrat der Pyramide wegerodiert.

Oder im Kiff am Konzert von der britischen Postpunkband Gans, die uns in ihren Hexenkessel zieht und durchkocht mit ihrem energiegeladenen Disco-Sound. Dabei schwitzen wir jedes Fünkchen Konformitätswahn und Pyramidengehabe auf der Tanzfläche aus. Das Ganze geht gewiss auch sanfter und einfühlsamer, vielleicht mit To Athena an Musig i de Altstadt in Aarau. Im Interview erzählt die preisgekrönte Sängerin über ihr Burnout.

Nehmen wir für einmal die Werbung beim Wort: «Geiz ist geil», vor allem, wenn es um unsere Freizeit geht. Also Handy weglegen, den digitalen Raum verlassen, dai-dai, und ab in die Sommerbar, ins Theater, an die Ausstellung, ins Konzert – eat, sleep, repeat.