«Nichts konnte die Dringlichkeit in mir stillen» – bis Coşkun Kenar im Breaking seine Berufung fand.
Unterwegs mit Coşkun Kenar
Es ist unglaublich heiss, wie so oft diese Tage, als ich mich auf den Weg mache, um Coşkun Kenar in Obersiggenthal zu treffen. Ich spaziere vom Bahnhof Baden entlang der Limmat und lasse mich verzaubern von der Schönheit des Flusses. Gerade hier, auf der Seite von Ennetbaden, ist der Blick auf ihn unverstellt und frei. Es ist später Morgen und ich fühle mich trotz der lähmenden Hitze wie in einer anderen, schönen Welt. Ist es Zufall, dass Coşkun mich als erstes im Oederlin-Areal, wo wir verabredet sind, zu einem der Fenster führt und mir die Aussicht auf die Limmat zeigt? «Ein wunderbarer Ort, um kreativ zu sein», sagt er. Ich verstehe, was er meint: Panta rhei.
Wir setzen uns an einen Tisch und Coşkun erzählt mir seine Geschichte. Heute, mit Mitte 40, ist er eine Breakdance-Legende. Denn damals, als er sich mit 16 dazu entschied, alles auf die Karte Tanz zu setzen und damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, gab es noch keine institutionellen Strukturen auf dem Breaking-Gebiet. «Ich merkte, dass ich schnell lernte und Bewegungen rascher umsetzen konnte als andere. Ich erarbeitete mir früh einen herausragenden Ruf und begann in einem kleinen Raum vier Schüler zu unterrichten. So habe ich mir eine Existenz aufgebaut. Ich wurde für Shows angefragt, erhielt Aufträge von verschiedenen Institutionen im In- und Ausland und hatte Auftritte. Videos gingen viral – ich kreierte eigene Moves. Später dann hatte ich Engagements als Jurymitglied. Alles ergab sich organisch.» Auslöser für seine Begeisterung am Breakdance – oder eben Breaking, wie Szene-Insider*innen sagen – war ursprünglich sein unbändiger Drang nach physischem Ausdruck. Martial Arts, Skaten und Fussball – alles hat er ausprobiert, damals, als 14-Jähriger. «Nichts konnte die Dringlichkeit in mir stillen.» Bis der Breakdance in sein Leben trat: «Dieser Tanzstil berührte mich von Anfang an. Denn es geht dabei eben genau um den eigenen Ausdruck – das, wonach ich mich immer gesehnt hatte. Und es ist physisch anspruchsvoll. Das Schönste daran war, dass ich mich selbst verwirklichen konnte und trotzdem in einer Gruppe aktiv war. Denn Breaking wird oft in so genannten Cyphers ausgeführt – also in Tanzkreisen. In einer Art nonverbaler Kommunikation.» Während Coşkun von seinem körperlichen Drang nach Ausdruck erzählt, wirkt er sehr ruhig und reflektiert – und keineswegs so wild und ungestüm, wie ich mir das bei seinen Schilderungen automatisch vorstelle. Er habe sich ja auch fliessend weiterentwickelt, wie er sagt: «Heute liegt mein Fokus vor allem auf der Kunst. Ich kreiere Bühnenstücke für Theater – natürlich immer in Verbindung mit Bewegung und Körperlichkeit.» Vor fünf Jahren habe er die Kunsthochschule in Bern besucht und in «expanded theatre» abgeschlossen. Er müsse nicht mehr selbst auf der Bühne stehen, um erfüllt zu sein.
Immer wieder betont er den künstlerischen Aspekt von Tanz, der ihm wichtig ist. Und so kommen wir auf die Tatsache zu sprechen, dass Breakdance 2024 zum ersten Mal offiziell eine Disziplin im Olympiaprogramm war. Für Coşkun ist das ein zweischneidiges Schwert: «Ich frage mich, was das mit dieser speziellen Kultur macht. Breaking wird damit zum reinen Sportevent.» Er, der schon immer viel mehr darin gesehen hat: einen Lifestyle, eine Art Kommunikation, Vernetzung. Und nicht zuletzt auch ein Hilfsmittel, sich über seine eigene Identität klar zu werden. «Als Schweizer mit türkischen Eltern befand ich mich schon immer in einer Liminalität. Als Jugendlicher fühlte ich das noch krasser als heute, diesen Zwischenraum zwischen den Kulturen.» Die Beschäftigung mit seiner Bikulturalität führte ihn schliesslich zu seinem aktuellsten Projekt. Über seinen vor zehn Jahren gegründeten Verein «the movement» – ein Hub für Tanz, Bildung und kulturelle Innovation mit dem Ziel, die Freude und die bereichernden Aspekte, die Tanz, Bildung und Hip-Hop-Künste bieten, in unserer Gesellschaft zu fördern – verbrachte er kürzlich mehrere Tage in der Türkei. «Schon lange wollte ich einen interkulturellen Austausch auf künstlerischer Ebene bewerkstelligen. Ich machte mir zur Aufgabe, herauszufinden, wann aus purer Tanztechnik ein Bewegungsritual oder ein Zustand wird – konkret nannte ich es ‘When the Cypher Becomes a Ritual’. Dafür arbeiteten wir mit lokalen Tänzer*innen zusammen und kombinierten elektronischen Sound mit den Klängen eines Ney-Spielers. Ney ist eine Schilfrohrflöte und ein traditionelles Instrument der türkischen Kultur.» Es sei ein tolles Erlebnis gewesen. Alles habe ihn interessiert: «Wir praktizieren sie Tanz? Wie machen sie Kunst? Was prägt sie?» Ein Bühnenstück soll später aus diesem Austausch entstehen.
Tanzkultur hat Coşkun Kenar sein Leben lang bereichert. Deswegen möchte er ihr auch etwas zurückgeben. Mit Projekten wie «the movement ARENA», das lokalen, nationalen und internationalen Künstler*innen sowie Nachwuchstalenten eine Plattform bietet, sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren zum Beispiel. Es ist ein Urban-Dance-Festival, das im Theater Augusta Raurica stattfindet. Bei allem geht es Coşkun schon lange nicht mehr um den reinen Breakdance, sondern um Elemente generell aus dem Urban Dance – und eben um Kunst.
Als wir uns erheben, um uns zu verabschieden, bedankt sich Coşkun noch einmal für meinen Besuch. Auch er macht sich auf den Heimweg nach Frick zu seiner Familie. Und freut sich, nicht mehr wie damals, in seiner Breakding-Hochphase, ständig auf der ganzen Welt unterwegs zu sein – obwohl er als junger Mann alles noch einmal genau so machen würde.
Zur Person
Coşkun Kenar (40) ist in Basel als Sohn türkischer Eltern aufgewachsen. Breaking hat ihn in über 40 Länder geführt. Er arbeitete mit Rapgrössen wie The Black Eyed Peas oder Common zusammen. Heute lebt er mit Familie in Frick.