Bühne

Brave New Work

Von
Kollektiv Böse Wetter und Michael Hunziker
Foto
ETH Bildarchiv

Das Kollektiv Böse Wetter schickt in ihrem Stück «Bergen» drei Figuren in ein stillgelegtes Bergwerk. Dabei ist eine tiefgreifende Reflexion über die Sinnhaftigkeit und die Bedeutung von Arbeit entstanden. Eine Fahrt in die Stollen.

Tief im Stollen

Der Tag beginnt lange vor Sonnenaufgang. Noch vor der Dämmerung werden Habit, Werkzeuggürtel und Arschleder angelegt. Dann ein Gebet. Und andächtig singend geht es in den dunklen Morgen hinein: Der Stollen ist dunkel, kalt und staubig. Die Schritte der schweren Schuhe scheinen die schier endlose Stille tief im Berg noch zu verstärken. Dann kommt Bewegung in die gegrabenen Gänge und Hallen aus Stein. Das Bohren beginnt. Das Klackern und Quietschen der Loren auf den Schienensystemen im Untergrund gibt zusammen mit dem Schaufeln, Hacken und Spitzen einen nicht enden wollenden Rhythmus vor. Dann die Vibration und das dumpfe Dröhnen einer Sprengung.

Heute sind die 23 stillgelegten Bergwerke im Aargau längst eigentümliche museale Relikte einer längst untergegangenen Industriekultur. Seit über fünfzig Jahren stehen die Stollen still – und bilden den Ausgangspunkt für unser zeitkritisches Theaterprojekt.

Geblieben ist uns heute der Drang, wie die Wilden zu arbeiten, nur schürfen wir nicht mehr im Berg, sondern in die Tiefe unserer eigenen Karrieren. Höher, schneller, effizienter, wer es nicht weiter schafft, der hat zu wenig probiert.

Wir haben eine höhere Lebenserwartung, mehr Ferientage, ergonomische Sessel und besseren Arbeitsschutz. Staublungen kennen wir nur noch vom Hörensagen, doch leiden wir unter anderen «Wetter»-Symptomen: Einsamkeit, Zeitdruck, Konkurrenzkampf und Leistungsdruck, Erschöpfung, Entfremdung der eigenen Arbeit.

Wo sind die Wettersteiger*innen in diesem System, die uns helfen könnten, Wetterphänomene zu deuten und potenzielle Gefahren zu erkennen, die es zum Einsturz bringen könnten? Wo liegt der Sinn in unserer Arbeit? Nach welchen Werten suchen wir, wenn wir zur Arbeit gehen, wenn wir in den «Stollen» einfahren? Und handeln wir auch nach ihnen? Wonach graben wir heute? Für «Bergen» haben wir genau zugehört und in Tiefeninterviews Arbeitende aus dem Aargau zu ihren Arbeitsbiografien befragt. Das Kaleidoskop ihrer Stimmen trifft auf die Härte, die Kameradschaft und den pochenden Rhythmus der vergangenen Bergwerkskultur.

Von Kollektiv Böse Wetter

Alle Bilder stammen, wenn nicht anders vermerkt, aus der ETHBibliothek Zürich, Bildarchiv; Gestaltung: Nadine Nützi, zeitgeist.ch

Die Nostalgie der Bergleute

In einer Zeit, in der der eigene Arbeitsplatz bereits morgen so obsolet sein kann, wie es die verlassenen Stollen der Bergwerke heute sind – KI erodiert bekanntlich so ziemlich jede Branche – spannt die Inszenierung des Theaterkollektivs Böse Wetter genau zwischen diesen beiden Domänen eine interessante Verwandtschaftsbeziehung auf. Im Stück «Bergen» loten Johannes Voges (Regie), Anouk Gyssler (Dramaturgie) und Samuel Herger (Szenografie) unser aktuelles Verständnis und die Bedeutung von Arbeit aus: Welche Werte, welche Ziele verfolgen wir in unserem Berufsleben, in dem ja bereits die Ungewissheit der neuen Technologien dämmert. Was wünschen, was hoffen, und vor allem: was erleiden wir? Mit ihrem Projekt sind die Theaterschaffenden vom Aargauer Kuratorium in das Förderprogramm Szenotop aufgenommen worden. «Bergen» ist nun ihre erste von zwei geplanten Produktionen.

Ihre Bestandsaufnahme der Gegenwart macht die Effekte postmoderner Arbeitswelten zum Thema: Entfremdung, Erschöpfung, Einsamkeit. Sie schicken dafür drei Figuren in den Berg: heutige Arbeitnehmende mit genau so vielen Ambitionen wie Sorgen. Auf ästhetischer Ebene lässt das Kollektiv diese in Kontrast treten mit der Arbeitsrealität von damaligen Bergleuten. Das heisst: kameradschaftliches Co-Working aus den Stollen versus individualistischer Bürotrott aus dem Dunst des New-Work, handfeste Materialitäten versus cloudige Kalkulationen. Aus solchen Gegenüberstellungen und Übertragungen laden sie das Begriffsinventar und die Rituale des Bergbaus gehörig auf und bereichern die spielerische Diagnostik. Unsere Bürokosmen treten als Gegenwelt zur Härte des Tagebaus hervor. Und das postmoderne Office wird, sonderbar bedroht wie es ist, und in seiner ganzen Absurdität, mit einem Funken Nostalgie bedacht – denn wer weiss, was danach kommt. Von Michael Hunziker

AARAU Tuchlaube, Do / Fr, 26. / 27. Februar, 20 Uhr

Das Kollektiv Böse Wetter. zvg