Heiner Kielholz (*1942), Jakob Nielsen (*1950), Dalmatiner, 1971. Fotografie von Jakob Nielsen auf Leinwand.
«Miteinander nebeneinander»: so heisst die neue Ausstellung im Aargauer Kunsthaus. Ausgehend von der Ateliergemeinschaft Ziegelrain Aarau nimmt sie die Besuchenden mit auf eine Zeitreise und Spurensuche: in die Kunst der 1970er-Jahre, in den Geist des Aufbruchs und der Experimente.
Die 1970er-Jahre waren bewegte Zeiten. Der Wind der Pariser Studierenden-Unruhen, die Vietnam-Proteste, der Prager Frühling etwa, haben weltweit ein neues linksorientiertes Bürgerrechtsbewusstsein entstehen lassen, das sich auch in Kunstrichtungen wie der Pop-Art, der Konzeptkunst oder dem Nouveau Réalisme niederschlug. In Aarau hat sich zu dieser Zeit des Umschwungs und der Institu- tionenkritik ein Kreis von Künstler*innen gefunden, die mit neuen Ästhetiken und Arbeitsformen experimentierten und für die Kunst wichtige Impulse gaben. Die Werke der sogenannten Ziegelrain-Gruppe strahlten national wie international aus und prägten das Kunstverständnis der Zeit mit. Im Aargauer Kunsthaus sind nun in einer Retrospektive viele dieser Positionen wiederzuentdecken, wie auch das ideengeschichtliche Beziehungsgeflecht zwischen ihnen. Nicht nur die Werke sprechen über eine Mentalitätsgeschichte, auch Mitstreiter*innen und Zeitzeug*innen lassen in eigens für die Ausstellung aufgezeichneten Gesprächen den Geist von damals wieder hochleben. Für die Gegenwart stellen sich im Dialog mit dieser Zeit interessante Fragen: Welche gesellschaftspolitischen Parallelen sehen wir? Inwiefern bestehen die damaligen künstlerischen Werte wie Offenheit, Vielfalt und Experimentierfreude heute fort? Sind solche produktiven Freundschaftsnetzwerke und avantgardistische Ideen auch heute noch möglich?
Wie konnte es überhaupt zu so einem Gravitationszenturm in einer Schweizer Kleinstadt kommen? Ganz banal: Es ist die Suche nach Freiraum, welche die Künstler*innen zusammenbrachte. «Christian Rothacher schloss seine Ausbildung ab, arbeitete im Elternhaus. Ich kam von Italien zurück und habe zu Hause gearbeitet – unbefriedigende Situationen», erinnert sich der Künstler Markus Müller. Also haben sie sich mit ein paar weiteren Personen zusammengetan und sich im Ziegelrain diese «alte Bude» gemietet, «einfach aus der Situation heraus, dass wir Arbeitsraum brauchten und dass wir das miteinander durchstehen konnten.»
In der Arbeit befruchteten sie sich gegenseitig, und behielten doch alle eine eigene Bildsprache. «Jeder sah von jedem, was er machte, wie er vorwärtskam, wie er experimentieren musste. Es gab Fragen, die man miteinander erörterte», erinnert sich Müller. Und natürlich verband sie neben der Kunst auch eine tiefe Freundschaft, im Winter ging man zusammen schlittschuhlaufen und nach der Arbeit in den «Aff», einer Kneipe in der Aarauer Vorstadt. Neben Rothacher, Müller und Max Matter kamen auch Hugo Suter und Heiner Kielholz zur Ateliergemeinschaft hinzu. «Man kann nicht sagen, dass Aarau lebendig und aufnahmefähig war. Es gab aber eine Keimzelle, die grösser wurde», so Müller. Ilse Weber (1908 – 1984), Nachtcapriccio, 1981 Ebenfalls von Bedeutung war Heiny Widmer (1927 – 1984), der von 1970 bis zu seinem frühen Tod das Aargauer Kunsthaus leitete. Unter anderem wegen ihm entsteht in der Kleinstadt eine äusserst lebendige Kunstszene, wozu auch die Künstlerin Ilse Weber (1908 – 1984) gehört. «Er hat die Szene unglaublich belebt. Es war wirklich ein offenes Haus. Er interessierte sich für Künstler*innen, für jeden Stil», erinnert sich die Künstlerin Marie-Claire Baldenberg.
Ilse Weber (1908 – 1984), Nachtcapriccio, 1981
Ein wichtiger Referenzpunkt für die «Ziegelrainer» war die Pop Art mit ihrer subversiven Ästhetik. Hier wurden die Absurditäten der Warenwelt und des Marktes hervorgehoben. Der Alltag wurde zu einer Kategorie der Kunst, ja das alltägliche Leben galt es zu befragen und zu befreien. Die Bolidenserie von Markus Müller, in denen er das Auto als Fetisch-Objekt inszeniert oder Max Matters Materialitäten (Spraydosen statt Ölfarbe, Kellco-Platten statt Leinwand) spiegeln dies wider. Den unterschiedlichen Produktionen ist der Drang, Freiräume auszuloten, gemein. So nimmt sich Heiner Kielholz mit seinen Tupfenbildern wahrnehmungstheoretischen Fragen an. Später bezieht er in Zusammenarbeit mit Jakob Nielsen Fotografien eines Dalmatiners in seine Bilder mit ein.
Der Ziegelrain war aber alles andere als ein hermetisches Biotop. Neben Freundschaften bildeten sich fruchtbare Werkgemeinschaften mit Künstler*innen aus anderen Städten. Die Szene in Aarau vernetzte sich mit Luzern, was umfassende Korrespondenzen und Gemeinschaftswerke belegen. So war Hugo Suters Haus am Hallwilersee in Seengen ein wichtiger Treffpunkt. Martin Disler, Helmut Federle oder Theo Kneubühler verkehren dort, und Aldo Walker und Rolf Winnewisser realisieren mit einer Porträtbüste ein Gemeinschaftswerk.
Die Ausstellung spürt auch Ideenverwandtschaften nach, in der die Ziegelrainer standen. Auch die Künstlergruppe der Nouveaux Réalistes reagierte auf die Konsumkultur jener Jahre. Zentrale Akteure sind Jean Tinguely (1925 – 1991) Daniel Spoerri (1930 – 2024) und Ben Vautier (Fluxus). Auch sie rekontextualisieren in dadaistschen Gesten alltägliche Gegenstände im Objet Trouvé, im Readymade – und auch diese Positionen sind im Kunsthaus wiederzuentdecken.
In den 1970er-Jahren erhält auch der Feminismus in der Schweiz etwa durch die Kunst von Heidi Bucher oder Klaudia Schifferle wichtige Impulse. Nachdem Bucher 1973 von einem längeren Amerika-Aufenthalt in die Schweiz zurückkehrte, initiierte sie die Ausstellung «Frauen sehen Frauen» (1975) und kritisierte mit den versammelten Werken vorherrschende Geschlechterbilder. Bucher wurde bekannt für ihre «Raumhäute»: Sie kleisterte ganze Räume mit Latex aus (wie etwa Herrensalons oder Psychiatriezellen) und zog sie danach ab. Damit verband sie biographische Erinnerungen mit der Offenlegung von innerfamiliären und patriarchalen Machtstrukturen. Das Kunsthaus zeigt zum ersten Mal den Abzug eines Bodens aus dem Haus ihrer Grosseltern.
Dass die Werke der 1970er-Jahre nicht nur eine Tragweite in ihrer Zeit entwickelten, sondern auch bis ins Heute ragen, zeigt die Kuratorin Anouchka Panchard, in dem sie junge Künstler*innen in videografierten Interviews zu Wort kommen lässt. So erzählt etwa die Videokünstlerin Lea Schaffner: «Heidi Bucher ist mir sofort aufgefallen. Sie ist für mich sehr inspirierend. Ich erinnere mich gut daran, wie ich zum ersten Mal einen Abzug von ihr gesehen habe. Das hat mich unglaublich berührt.» Und in Bezug auf die politische Haltung der Künstler*innen der 1970er-Jahre: «Wir leben wieder in einer sehr turbulenten Zeit. Dieses Widerständige wird sehr wichtig und präsent. Auflehnen gegen gewisse Strukturen, gegen Machtpositionen. Ich glaube schon, dass das heute auch sehr wichtig ist.»
Das Kunsthaus legt Spuren aus und holt die langsam ausbleichenden Geschichten wieder ins Gedächtnis zurück. In den 1970er-Jahren haben gesellschaftspolitische Themen und der Wunsch nach Veränderung auf lokaler und globaler Ebene Menschen zusammengebracht. Die Suche nach neuem künstlerischem Ausdruck vereinte die Ziegelrainer mit Kunstschaffenden auf der ganzen Welt, Freundschaften entstanden, und die Welt erhielt einen Schubs. Es ist das Lehrstück einer Generation.
Markus Müller (*1943), Bolide, 1968
Daniel Spoerri (1930 – 2024), Tableau piège, 1972