Zürich, 9 Uhr bei 30 Grad. In der Ferne ist das Wummern der Street Parade zu hören. Ich liege auf dem Sofa und schlage «Unter Tieren» von Elfriede Jelinek auf. Das Cover des Buchs zeigt tanzende Plüschtiere, hinten im Umschlag steht: «Unter Verwendung eines Motivs von Midjourney.» Auf dem Fenstersims schlummert selig das drei Wochen alte Täubchen vor sich hin, unter sich eine Handvoll in aller Gemütlichkeit eingekotete Äste. Das Schälchen Wasser, das ich ihm aus einem PET-Flaschenboden zugeschnitten habe, ist halbvoll.
«Wir scheissen in unser eigenes Futter, in unser eigenes Trink- und Badewasser, wir brauchen kein Duschgel.» Im Prolog lässt Elfriede Jelinek ein paar Tauben sprechen. «Unsre Scheisse ist unsre Seife.»
Am Vorabend hat mir meine Gastgeberin den Begriff «Blue Chip Art» erklärt. Sie malt und arbeitet in Teilzeit in der Kunstsammlung eines Schweizer Medienunternehmers. «Was auf Instagram kursiert, halte ich kurze Zeit später in den Händen.» Im Wohnzimmer hängt eins ihrer Ölgemälde. Schwarze Katze mit glühenden Augen, ein kanariengelbes Gefieder zwischen den Zähnen.
Am Nachmittag fahre ich zum See. Als Dank für die Annahme der Initiative für die 13. AHV hat ein pensionierter Gewerkschafter dazu eingeladen, die zusätzliche Altersrente bei einer Bootsfahrt zu verprassen. Gegen Sonnenuntergang, als die Backflip-Takes des Tages mit Slow-Motion-Effekt bearbeitet werden und die erste Piña Colada serviert wird, steuert unser Boot mit Namen «Arche» Richtung Bürkliplatz. Im Tempo eines Flugzeugs, das seine Startbahn sucht, um auf Nimmerwiedersehen das Land zu verlassen, dreht der Kapitän einen eleganten Schlenker vor der Kulisse der grössten Techno-Party in Europa.
Als ich spätnachts nach Hause komme, ist das Täubchen verschwunden.
Deborah Lara Schaefer (*1995, Ennetbaden) ist Autorin und Künstlerin. Sie lebt in Wien und Zürich. Ihr Theaterstück «Die Nation» (2023, mit ihrem Kollektiv posthelvetia entwickelt) wurde auf mehreren Bühnen in der Schweiz gespielt und mit dem Preis für Mehrsprachigkeit ausgezeichnet. 2023 erschien ihr Erzählband «Libido Lucid» im Verlag label rapace.