Womit Musikclubs kämpfen und was wir dagegen tun können: Daniel Kissling, Co-Geschäftleiter vom Kiff Aarau, schreibt über mögliche Lösungen.
Wenn die Schweizer Medien in den letzten Monaten die Live-Musikszene hier und anderswo begutachteten, griffen sie teils zu martialische Worten: von einer Krise war da zu lesen, dem Ende des Nachtlebens, wie wir es kennen, und nicht zuletzt: vom grossen Clubsterben. Ist die letzte Zugabe also schon gespielt? Gehen auf den Schweizer Clubbühnen bald reihum die Lichter aus?
Die kurze Antwort: Nein! Konzerte, Tanzveranstaltungen und lange Nächte, in denen Menschen zusammenkommen, um gemeinsam gute Musik zu erleben, entsprechen nach wie vor einem grossen Bedürfnis. Das schlägt sich dabei nicht nur in den Rekordaufmärsche und -umsätzen globaler Superstars wie Taylor Swift, Harry Styles oder Oasis, auch wenn das Publikum gerade nach der Pandemie Altbekanntem gegenüber Neuentdeckungen den Vorrang gab. Auch eine Umfrage von Petzi unter seinen Mitgliedern hat gezeigt, dass diese sich grossmehrheitlich über stabile oder sogar leicht steigende Gästezahlen freuen dürfen.
Gleichzeitig geben ebenso viele Clubs an, dass der wirtschaftliche Druck gestiegen ist. Das liegt zum Einen an den durch die Bank gestiegenen Kosten. Die teuren Benzinpreise spiegeln sich da zum Beispiel in den Künstler:innengagen ebenso wie der Umstand, dass die Einnahmen durch den Tonträgerverkauf praktisch weggebrochen sind. Der andere, zwar flüssige, aber gewichtige Grund findet sich an der Theke: Die Menschen trinken weniger Alkohol und damit grundsätzlich weniger. Der Pro-Kopf-Umsatz an der Bar, das zeigen auch unsere Zahlen, sinkt seit Jahren kontinuierlich, insbesondere bei der jüngeren Generation, traditionell das eigentliche Zielpublikum. Mit ihrem exzessiven und vor allem regelmässigen Ausgehverhalten sorgten die Jungen über Jahre für eine willkommene Quersubventionierung defizitärer Konzerte durch vergleichsweise kostengünstige Party-Formate.
Fassen wir zusammen: Das Bedürfnis nach Konzerten, nach dem gemeinsamen Live-Erlebnis und den Räumen, die ebendies erst möglich machen, ist ungebrochen. Trotzdem geht die Rechnung nicht mehr auf.
Was also tun in dieser strukturellen Krise der Musikclubs? Im Folgenden drei Vorschläge, wie die öffentliche Hand, die Live-Branche und wir alle die angespannte Situation dieser für Kulturschaffende wie Publikum so wichtigen Räume etwas entschärfen könnten.
Ernsthafte Förderung
Der Eigenfinanzierungsgrad der Petzi-Mitglieder, also der nicht-gewinnorientierten Schweizer Clubs und Festivals, bewegt sich zwischen 70 bis 100%. Das ist zweifellos löblich und weitaus unternehmerischer als der Grossteil “etablierter” Kulturinstitutionen wie Museen oder Theater, die selten mehr als 30% selber finanzieren. Vor allem aber bedeutet dies gleichzeitig einen immensen finanziellen Druck auf die Menschen, die dahinter stehen. Möglich machten und machen das bisher vor allem zwei Faktoren: 1. der bereits erwähnte Umsatz an der Bar, der bis anhin vor allem bei kleineren Clubs bis gegen 90% des Umsatzes ausmacht(e). 2. steckt dahinter ein immenser Einsatz nicht vergüteter Arbeit. Dieser wird mal durch ein massives Aufgebot von freiwilligen Helfer:innen geleistet, mal aber auch durch die fortlaufende Selbstausbeutung einiger weniger. Oder anders formuliert: schlechte bis gar keine Löhne und Pensen.
Will man die Verdienstmöglichkeiten von Künstler:innen und anderer Kultur-Arbeiter:innen verbessern, muss die öffentliche Hand die Clubs stärker und vor allem auch längerfristig fördern. Will man das kuratorische oder künstlerische Niveau verbessern beziehungsweise Themen wie Nachhaltigkeit, Gleichstellung oder Inklusion auch in dieser Ecke der Kultur vorantreiben braucht es stärkere Förderung. Gerade den kleineren Clubs und Festivals fehlt es nämlich nicht im Geringsten am Willen, hier vorwärts zu machen und anstelle von Kommerz Überraschendes auf ihre Bühnen zu stellen. Den kleinen Clubs und Festivals fehlt es dafür am Geld.
Dabei muss die aktuell vor allem auf Programmbeiträge ausgelegte Förderung dringend um Investitionen in Infrastruktur und Transformation ergänzt werden. Eine Solar-Anlage auf dem Dach, eine neue, eigene Mehrwegbecher oder ein Band-Flat, um kleinere Künstler:innen kostengünstig für eine Nacht unterzubringen, senken die laufenden Kosten der Clubs und helfen erst noch mit, den Sektor nachhaltiger und selbstwirksamer zu machen.
Berlin, London, New York. Die Clubkrise ist keine Schweizer Eigenheit, sondern eine globale Herausforderung eines immer globalisierten Marktes, der dominiert wird von drei hochprofitablen Grossunternehmen (LiveNation, CTS Eventim und AEG). Es lohnt sich drum, auch global nach Lösungen zu suchen.
Ein vielversprechender Ansatz kann dabei in Grossbritannien beobachtet werden. Die Idee des “ticket levy”, einer freiwilligen Ticketabgabe, ist so bestechend wie simpel: Bei Grosskonzerten über 5’000 Personen zahlt der Veranstalter ein Pfund pro verkauftem Ticket in einen Fonds zur Unterstützung des “grassroots music sectors”. Die dahinterliegende Eleganz bzw. Effizienz: Die Ticketabgabe ist nicht staatlich und es braucht dafür keinen langwierigen politischen Prozess - dafür jedoch die Bereitschaft der grossen Konzertveranstalter:innen. Sind diese an Bord, fliesst das Geld ohne Umwege in eine eigens dafür gegründete Stiftung und kann so eingesetzt werden, wie die Branche es für sinnvoll erachtet. Eine (freiwillige) Ticketabgabe ist dabei kein altruistischer Almosen, sondern ebenfalls eine Investition. Eine Investition ins Fundament des Öko-Systems Live-Musik und damit in die eigene Forschungsabteilung, in den Nachwuchs und zwar auf, aber auch hinter und vor der Bühne.
Wie könnte eine Schweizer Variante des “ticket levy” aussehen? Um dessen Effekt zu steigern, könnte die Publikumsschwelle etwa auf 2000 Personen gesenkt oder der Beitrag auf 2 Franken erhöht werden. Alleine mit den Konzerten im Hallenstadion könnten so jährlich rund eine Million Franken für die Musikclubs des Landes generiert werden - vorausgesetzt natürlich, die grossen Player, die auch in der Schweiz den Markt mittlerweile klar dominieren, machen mit.
Mit einer stärkeren Förderung durch die öffentliche Hand und der Einführung der Ticketabgabe könnte der Druck auf die Clubs (und Festivals) längerfristig gelindert, deren kreativer Spielraum erweitert und Entwicklungspotenziale aktiviert werden.
Die Umsetzung dieser Massnahmen brauchen Zeit. Die strukturelle Krise jedoch macht deinem Lieblingsclub bereits jetzt zu schaffen. Was dabei jederzeit hilft: ein treues, solidarisches Publikum. (Stamm-)Gäste, die verstehen, dass sie in dieser Szene nicht nur Konsument:innen sind, sondern ein tragender Teil einer Community.
Geh mal an ein Konzert von einer Band, die du nicht kennst. Lad am besten einen Freund dazu ein. Kauf dir nicht nur ein T-Shirt oder Cap der auftretenden Band, sondern auch des Clubs. Werde Aktiv-Mitglied und setz dich einen Abend an die Kasse oder werde Gönner-Mitglied und runde den sowieso schon viel zu vorsichtig angesetzten Soli-Beitrag nochmal auf den nächsten Hunderter auf (wenn du es dir leisten kannst). Hilf bei der Werbung mit, ob mund zu mund oder auf Social Media.
Auch im Aargau gibt es natürlich solche Orte. Im Royal Baden zum Beispiel kann man sich 365.- Franken im Jahr einen Quadratmeter Boden mieten. Jugendhäuser wie der Flösserplatz, Werkk, Piccadilly oder das Tomm werden von ihrer Stadt nur so stark unterstützt, wie ihre Lobby sich präsentiert. Und im KIFF arbeiten wir daran, unsere Freiwilligenarbeit fürs neue Haus fit zu machen. Auch du bist dabei herzlich willkommen.
Petzi hat ein Manifest zu den aktuellen Herausforderungen der Szene geschrieben
ZUR PERSON
Daniel Kissling ist seit 2022 Co-Geschäftsführer im Kultur- und Konzerthaus KIFF in Aarau. Seit 2023 ist er Mitglied des Regionalvorstands von Petzi.