pfel, Milch und guten Tag: Schriftsteler Alexander Estis kannte am Anfang nur vier deutsche Wörter.
Unterwegs mit Alexander Estis
Es ist noch hell genug, um Bilder zu machen. Deswegen entscheide ich mich, während ich auf einer Bank sitze und auf meinen Gesprächspartner warte, das Fotoshooting zeitlich dem Gespräch vorzuziehen. Ich zweifle zwar, ob das eine gute Idee ist. Denn es bedarf eines Vertrauensverhältnisses zwischen Model und Fotografin, um einer krampfigen Stimmung vorzubeugen. So jedenfalls meine Erfahrung. Aber es ist, wie es ist. Hier, an unserem Treffpunkt, können wir sowieso nicht bleiben, wollen wir uns an der Wärme unterhalten – Dienstag ist Ruhetag und die Bar geschlossen. Der Ortswechsel bietet sich also an, auch gleich Bilder zu machen. Kaum denke ich das, taucht Alexander Estis auf. Er lächelt freundlich. «Endlich hat’s geklappt», sagen wir beide. Alexander ist viel im In- und Ausland unterwegs: Auf Lesereise und an Buchmessen, oder er gibt Kurse über literarisches Schreiben an Schulen und Universitäten und stellt sich TV- und Radio-Interviews. Als jüdischer Deutsch-Russe ist er ein gefragter Mann, wenn es, wie so oft im Moment, um Russland oder Antisemitismus geht. Dabei ist das Kommentieren von tagesaktuellen Ereignissen eher nicht seine Domäne. Seit dem Russland-Krieg allerdings könne er nicht anders, sagt er. «Ich betrachte mich nicht als Experte – weil ich ja nicht wissenschaftlich dazu forsche. Aber ich bin ein Autor, der sich zu Themen äussert, die ihn direkt betreffen. Wichtigster Punkt in diesem Zusammenhang ist, dass ich meine eigenen Überzeugungen regelmässig hinterfrage.» Seine meiste schöpferische Zeit widmet er allerdings dem Schreiben satirischer Kurztexte – zum Beispiel Glossen und Aphorismen. «Es gibt kaum Texte von mir ohne Ironie. Mal kippt die Erzählung ins Komische, mal ins Tragische.» Wobei er – so sagt er – keine zu starre Grenze zwischen Journalismus und Kunst ziehen wolle. Wir sind schon mitten im Gespräch, als wir in eine hübsche Gasse biegen. Sie ist menschenleer, perfekt für unsere Bilder. Alexander macht es mir sehr einfach. Er spielt Model, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Ich, als Frau der Worte und nicht der Taten, bin ihm dankbar.
Danach finden wir rasch eine Bar, die geöffnet ist. Ich weiss zwar, dass Alexander Estis, der Philologe, als Autor, Journalist und Übersetzer ein Sprachexperte durch und durch ist. Sehr schnell merke ich jedoch, dass diese wissenschaftliche, eher sachliche Komponente bei ihm eine tiefe emotionale Ebene hat: Er liebt Sprachen. Und er nimmt sie pedantisch genau. Das macht mich – mir mich bereits beim Schreiben vorstellend – etwas nervös. Dass er über seine Pedanterie auch lachen könne, wie er mir versichert, entschärft das Ganze etwas. Das und eine schöne Gemeinsamkeit: Gegen Ende des Treffens wird er mir erzählen, dass er Stil und Sprache eines literarischen Werkes immer über den Inhalt stelle und dass seiner Meinung nach die Literaturkritik zu wenig über die Qualität der Sprache eines Buches spreche. «Literatur spielt sich jenseits der Informationsvermittlung ab», wird er sagen, was mich extrem freuen wird. Ist er damit doch die erste Person, der ich begegne, die in dieser Hinsicht gleicht tickt wie ich. Aber so weit sind wir noch nicht. Zuerst einmal interessiert mich seine Geschichte. Mich beeindruckt, dass der 9-jährige Alexander mit seiner Familie als jüdischer Kontingentflüchtling von Russland nach Deutschland gezogen ist. Und dass er, der heute die Deutsche Sprache beherrscht wie kein Zweiter, damals nur vier Wörter hat sagen können: «Apfel», «Milch» und «guten Tag». Als Migrantenkind sei es ein kleiner Schritt zum Sprachfanatiker, sagt er lachend. «Dein Leben, deine neue Existenz und oft sogar diejenige deiner ganzen Familie hängen davon ab, ob du die Sprache des Landes, in dem du wohnst, beherrschst.» Er habe sehr bald begonnen, an seiner «zweiten Muttersprache», die das Deutsche heute für ihn sei, die Bedeutungsnuancen zu lieben, mit denen er in seinen Texten immer wieder spiele, und die ihm neue Welten eröffneten. Auch die Aneinanderreihung von Modalverben sei etwas, das ihn schon in jungen Jahren fasziniert habe. Letzteres sei im Russischen nicht möglich. Diese Aussage veranlasst mich, ihn um weitere Sprachvergleiche zu bitten, und seine Antwort löst in mir schlagartige Erkenntnis aus: Stelle er das Russische und das Deutsche nebeneinander, dann erschrecke ihn die Tatsache, dass heute beide unter anderem auch von faschistischem Wort- und Gedankengut geprägte Sprachen seien. Wow. Das habe ich mir so noch nie überlegt. Alexander präzisiert: «Jede Sprache ist schön und hässlich zugleich. Es kommt auf den Kontext an, darauf, wie, von wem und zu welchem Zweck sie verwendet wird.»
Mittlerweile ist es dunkel draussen. Die Tür steht offen und lässt kalte Luft herein. Unser Gespräch dreht sich nun um seine Herkunft. Wie er sich daran erinnert, dass sie fünf Stunden für Milch anstehen mussten, und an die Angst auch Jahre nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl. Sein Aufwachsen in einer Künstlerfamilie spricht er an und die Besuche von Konzerten. Mir scheint, als ob Alexander mit der immer gleichen Ernsthaftigkeit auf alle meine Fragen eingeht, ganz egal, wie einfach oder wie komplex die Antworten darauf sind. Er wertet nicht. Er lässt sich darauf ein.
Bei der Verabschiedung gibt er mir sein Buch «Fluchten» mit auf den Weg. Ich freue mich sehr über dieses Geschenk. Und obwohl mein Kopf schwer ist wegen all der neuen Gedanken, trägt mich eine ganz eigene Leichtigkeit zum Bahnhof und weiter nach Hause.
Text und Bild: Tania Lienhard