Einer der ersten Anlässe in der Kulturschüür: Tanzen auf der Heubühne, Juni 1986. zvg
Dort, wo sich Hasen und Füchse gute Nacht sagen, haben engagierte Menschen über vier Jahrzehnte hinweg eine Scheune bespielt und kulturelle Momente entstehen lassen. Das AAKU schaut auf die Geschichte und in die Zukunft der Kulturschüür Degermoos.
Eine Schüür in einem abgelegenen Weiler oberhalb von Lengnau, genannt Degermoos, wird in den 80er-Jahren zu einem kulturellen Zentrum mit Ausstrahlung. Nachdem Astrid und Dieter Andermatt-Bürgler 1985 ein Bauernhaus mit voluminöser Scheune gekauft hatten, stellten sie sich die Frage, wie das Ganze sinnvoll genutzt werden könnte. Die Zeiten waren geprägt von einer gewissen Stadtflucht. «Viele junge Menschen träumten damals davon, sich gemeinsam mit andern zu vernetzen oder sogar in einer Kommune ein Leben in und mit der Natur zu gestalten», erzählt Astrid Andermatt. «Das wurde hier Wirklichkeit.» Ihr Haus war offen für unkonventionelle Lebensformen. Natürlich gehörte auch die weltoffene Musik des Folks dazu. Auf Schloss Lenzburg fand von 1972 bis 1980 das Folkfestival statt und zog viele gleichgesinnte Menschen an. Und die Weltanschauung des Folks hatte auch Auswirkungen auf die politische Landkarte: So gründete sich 1993 die Grüne Partei Zurzach im Degermoos, und Astrid Andermatt kandidierte für den Grossen Rat (später vertrat sie den Bezirk Zurzach als SP-Grossrätin).
Die Kulturschüür kennt zwar keine offizielle Geburtsstunde, doch seit 1986 organisierten Astrid und Dieter Andermatt kulturelle, politische und gesellschaftliche Treffen gleichgesinnter Menschen. Sie versuchten, so gut es ging, die Weiler- und Dorfbevölkerung mit einzubeziehen und mit Elterntreffen und Familienkulturangeboten Akzeptanz zu gewinnen, was anfänglich gut gelang. «Später leider, mit meiner zunehmenden umwelt- und kulturpolitischen Arbeit, wandten sich einige Personen ab», erzählt sie. Finanziell trug die Familie gemeinsam mit Spender*innen die Betriebskosten für die Kulturschüür. «Nebst unserem Beruf als Lehrpersonen und Eltern war dieses kulturelle Engagement eine grosse Herausforderung.»
Aus dem Erlös der kleinen privaten und halbprivaten Kulturanlässen und Filmabenden wurden erste grössere Investitionen getätigt und die Heubühne wurde zur Bühne. Knapp zehn Jahre später kommt es 1995 zur Gründungsversammlung des Forums Lengnau: Eine offene Gruppierung, die sich in Gemeindeangelegenheiten engagierte und Stellung zu gemeindeübergreifenden Projekten nahm, den Dialog suchte und die für alle toleranten, demokratischen politischen Meinungen offenstand. Das Forum unterstützte kulturelle Aktivitäten des «Endinger Kulturkreises» und organisierte einzelne Anlässe in Lengnau und im Degermoos. An die 30 Personen bekannten sich zu diesem Forum, das nebst Kultur auch brisante Themen in der Gemeinde vorbrachte, wie die Schaffung von mehr Schulraum, die Unterstützung des Festivals „Rock gegen Hass“, die Synagogenrenovation, die regionale Jugendarbeit oder die Planung des Alters- und Pflegeheims Surbtal.
Im Jahr 2000 schlossen sich die Freundinnen und Freunde der Kulturschüür und der Endinger Kulturkreis zum KulturKreis Surbtal zusammen. Die Kulturschüür wird ab jetzt zum regelmässigen Spielort. «Im Frühling gastiert Franz Hohler in der Schüür, im Sommer die blutjungen Ursus und Nadeschkin».
Fünf Jahre und eine Kulturmanagement-Ausbildung von Astrid Andermatt später wurde alles professioneller. Die Kulturschüür konnte weiter etabliert werden, auch dank der jahrelangen finanziellen Unterstützung des Kuratoriums und der Gemeinden Lengnau und Endingen sowie heute auch der Kulturkommission Surbtal. Viele Jugendkulturprojekte konnten lanciert werden: «Rap als Ventil» mit Greis, «Poetry Slam» mit Kilian Ziegler, Simon Chen und Simon Libsig. Dafür erhielt Kulturkreis den Funkenflugpreis (2009/10) des Kantons Aargau.
Kurz vor Corona wird der Generationenwechsel eingeleitet. Katja Tüscher, ebenfalls langjähriges Mitglied des Kulturkreises Surbtal, übernimmt die Führung des Vereins. Im Wandel der Bedürfnisse der heutigen kulturellen Ansprüche der Generation Z sucht der Verein nach Lösungen für Probleme, die in der Kulturlandschaft nur allzu gut bekannt sind: Stichwort ehrenamtliches Engagement. «Für kurzfristige Einsätze oder einmalige Projekte, findet man eher Helfende», weiss Andermatt. «Für längerfristiges, verbindlicheres Engagement fehlt oft die Passion. Die Frustrationstoleranz ist gesunken. Bei wenig Zuschauenden ist man schnell demotiviert.» Zudem kommen die Konkurrenzsituation gegenüber anderen Orten und ein verändertes Ausgehverhalten hinzu (das Netflixdilemma). Dennoch hat der Kulturkreis Surbtal Ideen und Mut für Experimente.
Wie wichtig kulturelle Orte für die Entwicklung und die Lebensqualität in den Gemeinden und in den Peripherien sind, zeigt die Geschichte der Kulturschüür Degermoos eindrücklich. Und auch, dass sich das Dranbleiben lohnt!
Die Mitinitiantin Astrid Andermatt, 1986. zvg
Simon Libsig und Philippe Galiza teilen sich die Heubühne. zvg
40 Jahre Kulturschüür Degermoos
Die Kulturschüür Degermoos in Lengnau hat in den letzten 40 Jahren an die 160 Veranstaltungen für Jung und Alt initiiert. Aus diesem Engagement heraus und dem parallel gegründeten Kulturkreis Endingen ist der regionale Kulturkreis Surbtal entstanden, mit über 350 Mitgliedern. Im Juni feiert die «Institution» ihr Jubiläum an zwei Fest-Tagen. Mit der Schweizer Rocklegende Vera Kaa am Freitag, mit Philipp Galizia, Heyof4 und Luna-Tic am Samstag. Sogar amtierende und ehemalige Regierungsräte lassen sich das nicht nehmen: Dieter Egli und Urs Hofmann richten Grussworte aus.
LENGNAU Kulturschüür Degermoos, Fr/Sa, 12./13. Juni, 20 Uhr/17 Uhr
Kultur in der Peripherie
In einer losen Serie porträtiert das AAKU Personen und Räume, die etwas ausserhalb der kulturellen Hauptstädte des Aargaus Menschen zusammenkommen und Kultur erleben lassen.