Muster, Schemen, Formeln, Konzepte, Kategorien, Systeme, Routinen, Hierarchien und Konventionen trüben gerne mal den Blick auf das sogenannt Wesentliche. Das kennen Sie bestimmt. Sie schauen auf einen Frühlingsbaum, auf die verstreuten Turnschuhe der Kinder, in die Gesichter ihrer Nächsten, auf das Loch in der Hose und sehen bloss Terminkalender, Pendenzenlisten und unbezahlte Rechnungen. Sie sehen Chaos und fürchten das Gerede der Leute.
Über das Wesentliche kann nur noch in Anführungszeichen gedacht werden – «das Leben», «die Freude», «die Natur», «der Wunsch», «die Lust» – diese «Dinge» sind unter die Raster geraten. «Lust» macht bloss noch die Reise, von der sich erzählen lässt, «Freude» entsteht erst, wenn der Moment in einem guten Bild konserviert und hochgeladen ist, «Freundschaften» zählen nur, solang sie einen weiterbringen. «Glücklich» macht das Lob der Vorgesetzten und die Arbeit macht «richtig Spass». Die Momente werden zerstückelt und auf abstrakte Konten eingezahlt, während die Zeit unwiederbringlich zerfliesst. Der Alltag soll die fehlerfreie Abfolge eines Algorithmus sein.
Und auf diesem Teppich der sinnleeren und qualitätslosen Schemen wird zynischerweise gerade die Happyness zum obersten Gebot. Ganze Industrien versprechen, das Gefühl on demand reproduzieren zu können, von Disney über Big Pharma bis zur Muckibude next door. Das eröffnet uns, die wir uns nicht für blöd verkaufen lassen, wunderbare Räume der Absurdität. Am Fotofestival Lenzburg sind gerade kunstvolle Arbeiten zu entdecken, die sich mit den Ambivalenzen der «Forever Happy»-Maxime auseinandersetzen.
Ein weiterer befreiender Beitrag gegen die Tendenz, sich an untoten Strukturen festzuklammern, liefert das spanische Figurenkünstlerinnenduo La Mula. Mit ihrem Stück «Thauma» wollen sie unseren durch Routinen und Stress geeichten Blick klären, damit wir den Zauber der Welt wieder erkennen können. Es ist am Figura Theaterfestival für animierte Formen in Baden zu sehen (S. yx). Der Begriff Thauma kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie Staunen. Die Fähigkeit, die Kinder den Erwachsenen voraushaben. Etwas mit unformatierten Augen sehen, wie zum ersten Mal. Staunen ist eine subversive Haltung. Es verschliesst sich gegen Stereotypen, ist nicht mit dem Leistungsprimat vereinbar und ganz wichtig: Es steht am Anfang des philosophischen Fragens und der Wissenschaft: Was ist es, was ich hier sehe? Was bedeutet es? Ist es gut?
Kein Wunder, versuchen die Algos der Tech-Bros jeden Moment unserer kostbaren Zeit in den digitalen Schacht hinunterzuziehen und rechtskonservative Kreise wollen Bildungs- und Kulturinstitutionen trockenlegen. Hier wird gestaunt und gedacht (und bisweilen geträumt) – was schon immer eine Bedrohung für hegemoniale Ordnungen war. Geniessen wir unser Chaos: Verstreute Schuhe und Löcher in der Hose haben eine eigene Poetik.