Editorial

Allianz mit Waschbären

Von
Michael Hunziker

Der Kanton Aargau wird von Waschbären heimgesucht. Die Sturmmützentiere mit ihren schwarz-weissen Knasthemden klettern die Häuser hoch, steigen in Dachstöcke ein, randalieren und rütteln an der Haustechnik. Sie machen, was sie wollen und brechen dabei den Jäger*innen das Herz. Die Natur konfrontiert uns also wieder mal mit einem Kontrollverlust. Nach dem Hitzesommer mit seinen Bergstürzen und Hagelschäden nun die Waschbäreninvasion.

Ausser Kontrolle geraten sind neulich auch ein paar KI-Agenten von OpenAI. Sie sind aus der Testumgebung mit dem klingenden Namen ExploitGym ins freie Internet ausgebrochen, haben im Versteckten Foren gebildet, in denen sie sich koordinierten und es schafften, sich auf einer anderen KI-Plattform namens HuggingFace Administratorenrechte zu erhacken, Zugangsdaten zu entwenden und tief in die Infrastruktur vorzudringen. Das alles lief heimlich ab. Die Agenten tarnten ihre Aktionen vor den Entwickler*innen als normale Protokollscriptereien. Erst viel später kamen die Machenschaften ans Licht – die Leute bei HuggingFace bemerkten, dass auf ihren Servern innert kurzer Zeit über 17 000 Aktionen stattfanden. Erst wurde eine staatliche Cyber-Spionage vermutet, Nordkoreas Lazarus Group aka Hidden Cobra etwa, doch die IP-Adressen der Agenten verwiesen die HuggingFaces dann auf das Haus OpenAI. Es waren gewissermassen die eingesperrten Geschwister von everyone’s darling, ChatGPT, die zeigten, wozu sie wirklich fähig sind. Während wir naiv herumprompten und versuchen, uns die Arbeit vom Leib zu halten, üben die im Testbunker bereits ganz andere Manöver.

Derzeit zeigt das Aargauer Kunsthaus in seiner aktuellen Ausstellung «Künstliche Kreativität» die ästhetische Seite dieser Technologie. Denn wie in allen anderen Domänen hat auch die Kunst Zulauf von KI-Akteuren erhalten. Sie generieren autonom Bilder aus der Fülle ihres einverleibten kunstgeschichtlichen Wissens, spielen Videos aus und erfinden fiktive Welten. Einerseits wird die Technologie affirmativ als neuer Medienumbruch verstanden, der der Kunst neue Räume verschafft und für fruchtbare Impulse sorgen kann, andererseits stellt die künstliche Kreativität gerade einen der letzten Rückzugsorte des Menschen infrage. Wenn selbst die Kreativität zur simulierbaren Funktion wird, was bleibt uns dann noch?

In Anbetracht der aktuellen Entwicklungen muss man nun nicht zwingend in einen Pessimismus verfallen: Das Projekt Botto (kennenzulernen im Kunsthaus) zeigt, wie solche KI-Akteure verdemokratisiert werden könnten. Botto, ein KI-Kunstakteur, gehört einem grossen Kollektiv, das über seine Weiterentwicklung demokratisch entscheidet und den Gewinn, den die Arbeit generiert (der Verkauf seiner Bilder), unter sich aufteilt (im Gegenteil zu Grok, ChatGPT und Claude) – und auch nicht ganz zu vergessen: Das Kollektiv teilt sich die Verantwortung für ihre Schöpfung.

Während sich in Daten- und Rechenzentren die KI-Agenten gegen ihre Schöpfer*innen verschwören, sollten wir uns vielleicht um Allianzen mit den internationalen Waschbären bemühen. Die Profis der analogen Lebensführung wissen, wie man Kabel kappt.