Agree to disagree – was uns ein alter Disput lehren kann

Von
Michael Hunziker

Die Badener Disputation. Darstellung in der Reformationschronik von Heinrich Bullinger (1504 – 1575) im Kopienband von 1605/06. CC

Die Stadt Baden feiert die nächsten Monate mit einem vielseitigen Programm das Jubiläum 500 Jahre Disputation. Das kirchliche Happening von 1526 sendet gerade für die Gegenwart mit ihrer Krise der Demokratie wichtige Impulse aus.

Falls Sie noch nie von der Badener Disputation gehört haben – don’t worry. Es handelt sich um ein theologisches Streitgespräch zwischen Katholiken und Reformatoren und sie war somit ein nicht besonders lautes Ereignis der Geschichte. Aber ein bedeutungsvolles und gut dokumentiertes. Und dass sie nicht laut war, macht ihren Wert gerade für die Gegenwart aus.

Aber schön von vorn: Im Jahr 1526 kamen politische Vertreter aus den 13 Kantonen der alten Eidgenossenschaft mit Religionsgelehrten aus dem In- und Ausland in Baden zusammen und diskutierten während Mai und Juni über Glaubensgrundlagen und Differenzen zwischen den römisch-katholischen und den reformierten Auffassungen. Für die damalige Zeit richtungsweisend, ging es doch um das Selbstverständnis der Orte und auch darum, wie mit den unterschiedlichen Anschauungen zu verfahren war.

Die Thesen, die an dieser Disputation verhandelt wurden, tönen heute exotisch. Es ging etwa um die Frage, ob Christus in verwandelter Form materiell im Sakrament präsent war (katholisch) oder bloss als ein Zeichen (reformatorisch), ob es in Ordnung war, Heiligenbilder aufzuhängen (katholisch) oder ob diese Bilder weg mussten (reformatorisch), und etwa, ob es das Fegefeuer gibt (Katholiken: ja, Reformierte: nein). Die Diskussionen um diese Thesen dauerten mitunter mehrere Tage, an deren Ende nicht klar war, welche Partei gewonnen hatte. Es gab also keinen Entscheid, wie in der alten Eidgenossenschaft mit der Reformation umgegangen werden sollte. Die Katholiken sahen sich nach der Disputation in ihren Haltungen bestätigt und die Reformatoren führten ihrerseits das Projekt der Reformation weiter. Es folgten weitere Disputationen, unzählige Streitschriften wurden publiziert und gar kriegerische Auseinandersetzungen ausgetragen, zum Beispiel die Kappelerkriege (1529, 1531). Der heutige Frieden zwischen den Konfessionen ist hart erstritten und erkämpft (die Villmerger Kriege im 17. und 18. Jh., der Sonderbundskrieg im 19. Jh.). Die Periode um die Badener Disputation kann als eine Zeit des Dialogs angesehen werden: Die Parteien haben noch miteinander geredet, danach aber lange nicht mehr.

Und was lernen wir aus der Disputation für heutige multireligiöse, säkularisierte und nicht zuletzt individualisierte Gesellschaften? Ein demokratischer gesellschaftlicher Frieden beruht auf Dialog und Akzeptanz – an inneren Widersprüchen kann eine Gesellschaft produktiv wachsen, ganz in der Devise der Badener Disputation: Agree to disagree. Von Michael Hunziker

Quelle: Wiederkehr Ruth, Die Geschichte der Badener Disputation 1526. 2025

Programm

Anlässlich des Jubiläumsjahres der Badener Disputation gibt es ein vielfältiges Programm zu entdecken. Vorträge, Diskussionen, Konzerte, Ausstellungen – mit prominenten Gästen wie Barbara Bleisch, Moritz Leuenberger und Marianne Binder. Das gesamte Programm finden Sie hier: disputnation.ch