Tamam, 2021
Shamiran Istifan
Die in Baden aufgewachsene Künstlerin Shamiran Istifan ist Trägerin des Manor Kunstpreises. Im Aargauer Kunsthaus zeigt sie ihre Werke.
Die Einzelausstellung, die anlässlich des Manor-Preises im Aargauer Kunsthaus entsteht, entfaltet Shamiran Istifan als räumliche Erzählung zwischen autobiografischer Spurensuche und sozialer Analyse. Ausgangspunkt ist der Aargau – jener Ort, an dem die heute in Zürich lebende Künstlerin aufgewachsen ist und der in den neuen Arbeiten zum Resonanzraum für Fragen von Zugehörigkeit, Öffentlichkeit und Identität wird.
Shamiran Istifans Arbeiten bewegen sich zwischen Installation, Skulptur, Textil und Video. Sie greifen visuelle Codes aus Popkultur, suburbanen Räumen und digitalen Bildwelten auf und verschieben deren Bedeutung. Was zunächst vertraut wirkt, beginnt sich zu entziehen. Baugerüste erinnern an sakrale Räume, treffen auf weiche, hautähnliche Materialien, schwarze Stoffe tragen eingestickte Engel. Die Ausstellung wird zu einer Passage zwischen Innen und Aussen, zwischen Privatem und Öffentlichem.
Im Zentrum steht dabei weniger die eindeutige Erzählung als das, was sich zwischen Bildern, Dingen und Erinnerungen ablagert. Als Angehörige der assyrischen Exilgemeinschaft untersucht Istifan Fragen von Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und kultureller Erinnerung, ohne sie je illustrativ aufzulösen. Ihre Arbeiten öffnen Räume, in denen unterschiedliche Zeiten und Wirklichkeiten gleichzeitig existieren können: Jugend und Gegenwart, Schutz und Kontrolle, Intimität und gesellschaftliche Struktur.
Auch die häusliche Sphäre erscheint dabei weniger als Rückzugsort, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Themen. Briefkästen einer Wohnanlage werden im Museum zu Trägern unsichtbarer Geschichten. Standardisierte Schweizer Gestaltungssysteme treffen auf Motive aus jugendlicher Popästhetik. So entsteht eine imaginäre Stadtlandschaft, in der sich persönliche Erfahrung mit kollektiven Strukturen verschränkt.
Shamiran Istifan entwickelt daraus keine Utopie und keine Abrechnung, sondern eine präzise, poetische Vermessung dessen, was Zusammenleben heute bedeuten kann.