Zwänge

Kolumne von Jens Nielsen

TEXT Jens Nielsen BILD zvg

Es ist früh am Abend, niemand sieht mich. Nein, das stimmt nicht, viele sehen mich wahr­scheinlich, nur sehe ich niemand. Ich stehe mit dem Gesicht in einem Zeitungsständer. Hallo, höre ich jemand sagen. Ich nehme mein Gesicht heraus und drehe mich um, da steht die Kell­nerin. Hallo, sage ich – ich bin kurzsichtig. Sie macht einen Schritt auf mich zu, das finde ich eine gute Antwort. Suchen Sie etwas? Nein, sage ich, nein, das heisst doch. Ich suche einen doppelten Espresso, haben Sie? Ja, sagt sie, das lässt sich machen, wir sind ein Café. Möchten Sie sich setzen? Nein, sage ich, das heisst, ich möchte schon, aber ich darf nicht, ich habe diesen neuen Zwang, er ist nicht schlimm, aber – na ja, verstehen Sie? Und sie sagt ja, was mich erstaunt.

Es ist leider so, erkläre ich mich: Seit kurzem muss ich jeden Abend auf dem Weg nach Hause ein Café betreten, darf mich aber nirgends setzen. Ich muss in den Zeitungsständer stehen, dabei kann ich so gar nicht lesen. Wenn ich zum Bestellen aufgefordert werde, muss ich um einen doppelten Espresso bitten, obwohl ich dann nicht schlafen kann. Die Kellnerin bleibt freundlich, nein, noch besser, ihre Stimmung heitert auf. Sie bringt die Bestellung an den Tresen und kommt bald zurück mit... das sind zwei Espressi, stelle ich fest. Ach, sagt sie, ja leider, sie habe auch so einen Zwang, sie müsse doppelte Portionen teilen in zwei einzelne. Lästig sei das, sie werde oft entlassen, vielleicht schon heute Abend wieder. Tut mir leid, sage ich und meine das. Und wir plaudern locker über, ja, Zwänge allgemein. Die Zeitschriften hören uns zu.

Jens Nielsen wollte ursprünglich die Hundeschule besuchen, wurde dann aber Schauspieler und Autor. Er ist Mitglied der Musikformation SEN-Trio mit Ulrike Andersen und Hans Adolfsen und arbeitet regelmässig für SRF2 Kultur. Einige seiner Vergehen sind hier aufgeführt: www.jens-nielsen.ch