Zofingen: Niklaus Thut ist tot

Tour de Kaff mit Benjamin von Wyl

TEXT Benjamin von Wyl BILD Benjamin von Wyl

Eine gemalte Kleinstadt verdeckt den Blick in den Laden. Der Thut-Brunnen gibt der Do-it-yourself-Schaufensterdeko ihre geografische Orientierung: Niklaus Thut ist ein Lokalheld; sein Brunnen ist ein Treffpunkt. Das ist Zofingen. Aber einiges auf dem Bild passt nicht - etwa der See. Wo gibt es in Zofingen einen See? Das Bild zeigt ein Kleinstadtstereotyp. Wenn man seinen Blick nach oben richtet, bekommt man in den Zofinger Gassen das Gefühl, man sei in Aarau, so schmuck bemalt sind die Giebel. Kleinstädte ähneln sich. Mutter und Tochter greifen nach der Türklinke neben dem Schaufenster. "Oh nein!" - geschlossen.

"Einen Moment lang fühle ich mich unterwegs auf einer Himmelstreppe"

Es ist das Schaufenster der Buchhandlung Mattmann. "Darf ich mir schnell ein Buch holen?", sei Corina Friderich während der Betriebsferien auf dem Wochenmarkt gefragt worden. Sie reagiere dann abwehrend: "Wenn ich dir öffne, muss ich allen öffnen." Friderich ist froh um die Verschnaufpause, die ihr die Betriebsferien gewähren.

"Durch die Verantwortung fühle ich mich manchmal alt." Friderich ist 24. Seit anderthalb Jahren führt sie die Buchhandlung Mattmann, in der sie einst ihre Lehre absolviert hat. Die Verantwortung für Geschäft und Mitarbeiter*innen habe ihre Gewohnheiten verändert. Weniger Ausgang, mehr ruhige Abende - aber ihre Entscheidung, das Geschäft zu übernehmen, bereut sie nicht. "Ich liebe es, aufzustehen und zur Arbeit zu gehen", sagt sie in einem Begeisterungsschwall. Friderich lebt in der Altstadt, arbeitet in der Altstadt, ihre Stammcafés sind hier. Sie kaufe auch in den kleinen Läden ein. Vom Metzger bis zum Käseladen gebe es ja alles.

"Wenn du nicht aus Zofingen bist, ist es schwierig, ein Geschäft in Zofingen zu führen", meint Friderich lachend. Zofingen sei lokalpatriotisch. Sie hat sich 4800, die Postleitzahl, tätowieren lassen. Es ist aber nicht ihr einziges Tattoo, und Friderichs Horizont endet auch nicht an der Stadt­ grenze. Im Gegenteil: Sie will den Horizont ihrer Kundschaft öffnen. Am wichtigsten sind ihr die gebundenen Romane und - zu ihrer eigenen Überraschung - werden diese bei ihr auch oft gekauft.

"Ich hasse Krimis, aber lese sie trotzdem"

Viele Buchläden müssen schliessen; Friderich ist optimistisch. "Klar, man kann nicht reich werden." Man müsse sich halt bemühen: einrichten, dekorieren und die verkaufte Ware kennen. Die Beratung sei entscheidend. "Ich hasse Krimis, aber lese sie trotzdem, weil ich sie kennen muss."

In der geschlossenen Buchhandlung Mattmann. Sofas, ein alter Tisch, alte Holzbalken: wohnzimmerlich. Friderich assoziiert sich durch ihr Sortiment, als sie vor der Aufgabe steht, mir ein Buch zu empfehlen. Sie greift in die Regale, fragt scheu "Elena Ferrante?", wählt Bände aus wertigem Material und besteht schliesslich darauf, mir Erzählungen von Benedict Wells zu schenken. Aus Begeisterung für Literatur, sagt sie.

Mittagsmenü für 9 Franken 50!

Die benachbarte Pizzeria bietet ein Mittagsmenü für 9 Franken 50. Dass es das im Mittelland noch gibt! Aber mir läuft die Zeit davon. Ich esse schnell was in einem Imbiss. Beim Kauen denke ich an meine Intensivwoche Zofingen im Klassenlager. Schnitzeljagd durch die Altstadt, Geschichtslektionen zur Habsburgertreue, die Jugendherberge. Ich erinnere mich an die Geschichte von Schauplätzen, als ich durch sie eile, etwa die Letzigasse, wo früher der Scharfrichter seine Arbeit verrichtet hatte.

Ich muss in den Wald.

Ich muss in den Wald. Aufwärts, immer höher. Ab Waldrand ist die Strasse schnurgerade, noch immer ansteigend. Die Bresche zwischen den Bäumen; dazwischen weisser Himmel. Einen Moment lang fühle ich mich unterwegs auf einer Himmelstreppe. Dann steht er dort, die Hände in die Tasche des Kapuzenpullis vergraben, grinst. "Wenn es so kalt ist, schwitzt man beim Hochlaufen wenigstens nicht", sagt er zur Begrüssung.

Psychedelische Klänge aus der Boom­box

Mike Häfliger geht voraus, ab von der Strasse, in den Wald im engeren Sinn. Es ist quasi seine Hauseinfahrt. Als ich am höchsten Punkt bin, halte ich kurz inne: Sandsteinhänge, das Tipi, der Weg. Herr der Ringe, Auenland, Robin Hood. Wow. Mike Häfliger lebt in diesem Tipi. Seit über 25 Jahren. Die psychedelischen Klänge aus der Boom­box sind erst direkt vor dem Zelt hörbar. Acht Stunden Musik hört Häfliger pro Tag. Durch das niedrige Türchen betritt man Häfligers Haushalt auf kleinstem Raum. "Die Schuhe bitte vorne ausziehen."

"Die Schuhe bitte ausziehen"

Werkzeug in der einen Ecke, Katzenfutter in der anderen. Das Zentrum bildet eine Lehmfeuerstelle. Das Feuer lodert. Kali, seine Katze, lässt sich vom Besuch nicht aus der Ruhe bringen.

Als das Eis in den Smiley­ Tassen geschmolzen ist und der Espresso auf dem Rost kocht, beginnt Häfliger zu erzählen. Würde Häfliger seinen Lebenslauf erstellen: Er würde ihn mit Bandnamen strukturieren. Als Achtjähriger begann es mit den Beatles, drei Jahre später kam Hendrix dazu, dann Zappa. "Noch vor dem ersten LSD-­Trip war ich musikalisch schon recht im Psychedelischen", so Häfliger. Wenn Häfliger aber nicht stichwortartig, sondern in Storys über sein Leben spricht, dann erzählt er es entlang seiner Reisen, etwa jene mit dem Kanu von Minneapolis bis New Orleans und vom Erdbeerenfeld auf einer Hochebene in der Himalajaregion. Auch diese Anekdoten hält Musik zusammen, aber es sind Erfahrungen mit Musik: Jamsessions, Mantras, Spontankonzerte.

Er lebt im Wald und fühlt sich wohl dabei

Der 51-Jährige lebt im Wald und fühlt sich wohl dabei. Mit dem Förster habe er es gut; rumliegenden Abfall entsorge er. Gesellschaftlich ist er engagierter als manche Einfamilienhausbewohner*innen: Im Zofinger Kulturlokal Oxil organisiert er Gigs, in der Band Space Invaders spielt er Gitarre, durch das Fell von Kali fährt er mit den Händen.

Nach drei Stunden im Tipi fühlt sich der Abstieg ins Städtchen an wie die Reise einer Figur in einem der erzählerischen Songs, die für Häfliger Erweckungsmomente bedeuten: "And your mind, your tiny mind, / you know youʼve really been so blind. / Nowʼs your time, burn your mind, / Youʼre falling far too far behind."

"Nowʼs your time, burn your mind"

Aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt für psychedelische Höllenreisen. Ich muss zivilisationsfähig wirken, denn ich will der ChoschtBar ja nicht die Tour vermasseln. Nach drei Stunden am Feuer rieche ich bestimmt.

Eliane Gut, die Helferkoordinatorin der ChoschtBar, winkt ab. Das bisschen Rauchgeruch belästige niemanden. Die ChoschtBar ist ein Food-Waste-Projekt, wie es sie in vielen Städten gibt. Jeden Abend machen zwei Helfer*innen samt Handwagen eine Tour zum Bioladen und der Bäckerei Leutwyler. Sie holen die Ware, die andernfalls weggeworfen würde, und stellen sie in einem Unterstand allen zur Verfügung, die kommen. First come, first serve. Zum Ladenschluss sind wir in der Bäckerei, wo die Angestellten routiniert die Regale räumen und die mitgebrachten Kisten füllen. Unterwegs mit der Brotbescherung fühle ich mich als Teil eines Samichlausumzugs, obwohl sich alle tief im Januarloch befinden. Das merkt man auch bei der ChoschtBar: Der Andrang sei sonst grösser. Menschen allen Alters stünden an anderen Tagen bereits Schlange, wenn sie mit dem Wagen zurückkommen.

Allein unterwegs zum Bahnhof. Zwei Menschen haben mir ihre Perspektive, ihre Bionische gezeigt. Eine 24-jährige Unternehmerin und ein 51-jähriger Waldbewohner. Ihre Leben passen nicht in eine stereotypische Kleinstadt. Nochmals betrachte ich die gemalte Dekostadt im Schaufenster: Niklaus Thut macht Zofingen nicht individuell. Die Menschen, die das tun, leben noch.

Benjamin von Wyl ist im Wynental aufgewachsen, hat die Neue Kantons­ schule Aarau besucht und seinen Zivildienst im Jugendkulturhaus Piccadilly Brugg geleistet. Er arbeitet als freier Dramaturg, Journalist und Autor.