Zirkus museal erleben

AUSSTELLUNG Jonglage, Artistik und Trapezkunst – ab dem 7. Mai bespielt «cirqu’» für zwei Monate das Stadtmuseum Aarau. Neben historischen Fotografien des Ringier Bildarchivs geben diverse Installationen sowie Artist*innen in einem Residenzprogramm Einblick ins zeitgenössische Zirkusschaffen.

TEXT Philippe Neidhart BILD Ringier Bildarchiv

Artistennummer im Freilichtzirkus Arena Pilatus in Luzern, April 1942

Das Festival für zeitgenössischen Zirkus cirqu' begeisterte in den vergangenen Jahren mit innovativen Produktionen ein breites Publikum und ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil des Aarauer Kultursommers geworden. 2021 ist jedoch alles etwas anders: Nicht nur ist da dieser verflixte Virus - auch die Alte Reithalle steht momentan noch nicht als Festivalzentrum zur Verfügung. Doch frei nach dem Motto "aus der Not eine Tugend machen" entstand eine Kooperation mit dem Stadtmuseum Aarau.

Fragiler Balanceakt

"Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, zeitgenössisches Zirkusschaffen und artistische Bühnenarbeit in eine museale Struktur zu übersetzen", so Roman Müller, Gründer und künstlerischer Leiter des Festivals cirqu'. "Für uns ist es ein grosses Abenteuer – aber die heutigen Umstände verlangen es, neue Wege zu gehen." Entstanden sind daraus sieben Positionen, die sich auf unterschiedliche Weise mit der Thematik auseinandersetzen.

So beispielsweise wird es eine Videoinstallation mit 25 Bildschirmen des amerikanischen Künstlers Wes Peden geben. Bereits mit fünf Jahren lernte dieser zu jonglieren und gilt heute als einer der innovativsten Artisten seiner Zunft. Pedens Werdegang wurde dabei über dreissig Jahre stets mit der Kamera festgehalten und kann nun im Stadtmuseum Aarau betrachtet werden.

Einen anderen Weg geht die Installation der Kontorsionistin Angela Laurier. Bereits bei ihren Bühnenperformances benutzte sie Mikrofone, um die Innengeräusche ihres Körpers während der Bewegungen hörbar zu machen. "In der Ausstellung werden nun eben diese Klänge zu hören sein", so Müller, dazu werden die Aufnahmetechnik und die jeweiligen Bewegungen beschrieben – ganz ohne visuelle Komponente.

Ein überaus fragiles Projekt gibt es zudem mit Maedir Eugsters Riesenmobile aus Palmblattrispen zu bewundern. Der Balanceakt kann nämlich jederzeit aus dem Gleichgewicht geraten und in sich zusammenfallen: "Das Scheitern ist jedoch ein realer Bestandteil des Zirkusschaffens", sagt Müller.

Bilder aus vergangenen Tagen

Ein weiterer Teil der Ausstellung widmet sich diversen Fotografien: "Unser Ziel ist es, das Museum mit dem Zirkusschaffen und die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden", so Marc Griesshammer, Leiter des Stadtmuseums Aarau. Dabei werden im Foyer Bilder aus vergangenen Spielzeiten des "cirqu'" zu sehen sein und auf dem Weg zum oberen Ausstellungssaal eine Ausstellung mit historischen Fotografien aus dem Ringier Bildarchiv gezeigt: Denn seit dem Jahr 2015 besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Aarauer Stadtmuseum und dem Staatsarchiv des Kantons Aargau, zu dem die Fotobestände gehören.

In den rund sieben Millionen Pressebildern findet sich auch eine reiche Auswahl zum Aargauer Zirkusschaffen: "Die Bestände sind sehr vielfältig, und es existieren viele Anknüpfungspunkte", so Griesshammer, "Pressebilder bilden dabei den Kontrast zum zeitgenössischen Zirkusschaffen und zeigen gleichsam die Verbindungslinien zwischen der Entwicklung der Zirkuspraxis von früher und heute."

Rund vierzig solcher Fotografien aus den Jahren 1941 bis 1978 werden in der Ausstellung gezeigt und dokumentieren anhand von Momentaufnahmen den Wandel der Zirkuspraxis sowie die Geschichte bekannter Schweizer Zirkusdynastien von Knie über Nock bis hin zum heute fast vergessenen Zirkus Pilatus. Dabei wird die Frage aufgeworfen, was Zirkus eigentlich ist: "Dieser ist beispielsweise nicht zwingend in einem Zelt zu Hause", sagt Griesshammer, "im Jahr 1954 fand beispielweise eine Aufführung im Saalbau in Aarau statt."

Nebst der Thematisierung des Spiels mit dem Risiko – man denke hier an Tiernummern und waghalsige Akrobatik – setzt sich die Ausstellung ebenfalls mit dem gängigen Zirkusverständnis auseinander. So widmen sich einige Fotografien der Trapezkünstlerin Fritzi Bartoni (bürgerlich: Frida Barfeld). Auf einem Bild hängt sie kopfüber in schwindelerregender Höhe, in einer anderen Aufnahme wird sie als Hausfrau gezeigt: "Damals galten Zirkusleute als ausserhalb der Gesellschaft und deren Normen lebende Menschen", erklärt Griesshammer. So sei es überaus spannend zu sehen, dass Bartoni in einer Reportage als bürgerliche Person inszeniert wurde: "Der Kontrast zwischen kühner Luftakrobatin und braver, idealer Hausfrau ist faszinierend."

Artist*innen im Museum

Die Fotografien bilden jedoch nur einen Teil der Ausstellung und stehen in einem Spannungsfeld zu zeitgenössischen Zirkusformen. So erhalten Artist*innen aus verschiedenen Disziplinen des modernen Zirkusschaffens die Möglichkeit, während einer jeweils zweiwöchigen Residenz den Besucher*innen des Stadtmuseums einen Einblick in ihre Arbeit zu ermöglichen und mit ihnen in einen Dialog zu treten. Ausserdem steht eine kleine Manege bereit, um sich selbst artistisch betätigen zu können.

Während des eigent- lichen Festivals cirqu'8 vom 10.-20. Juni wird das Foyer des Stadtmuseums zudem als Zentrum dienen. Dabei werden die Öffnungszeiten während der zehn Tage verlängert, so- dass die Ausstellung auch zu später Stunde noch begangen werden kann.

AARAU Stadtmuseum, 7. Mai-4. Juli
Festival cirqu'8: 10.-20. Juni