Wüssten Sie, wie man plündert

Die Jens-Nielsen-Kolumne

TEXT Jens Nielsen

Fussgängerzone, schönes Wetter, Vormittag. Ich sitze im Café, um einen Text zu überarbeiten. Kaum will ich beginnen, soll ich eine Rose kaufen. Ich lehne ab, mir fehle das Bargeld. Die Rosenfrau zeigt auf den Bankomaten nahebei. Ich kann nur mit dem Telefon bezahlen, sage ich, und lade sie ein, sich beim Kellner etwas zu bestellen. Nein, sagt sie, sie will lieber in den Aldi. Mhm, ja gut, von mir aus. Ich trinke meinen Kaffee aus, ohne mich auf den Geschmack zu konzentrieren, packe meine Sachen ein und folge ihr durch das Quartier, sie weiss schon, wo der Aldi liegt. Ich will bei der Kasse warten, doch sie nimmt einen Einkaufswagen und besteht darauf, ich solle sie begleiten. So beginnt es. Bei manchen Dingen holt sie sich mit einem Blick mein Einverständnis ein. Ich nicke jedesmal. Denn ich verstehe, dass sie weiter gehen wird, als ich mir vorstellte, und ich will wissen wie weit. Nur, als der Einkaufswagen voll ist und vor lauter Waren überquillt, ist sie noch immer nicht soweit. Ich muss jetzt den Wagen schieben, damit sie nach den letzten Tuben, Tüten, Packungen und Spielzeug greifen kann. Die klemmt sie als Supplements unter die Arme oder hält sie in den Händen, bis ihr jedes weitere nur noch zu Boden rutscht. So kommen wir zur Kasse, wo die Verkäuferin mich fragt, ob wir zusammengehören. Noch einmal nicke ich und sie fängt an, zu scannen. Etwas später, als der Betrag bereit ist, zahle ich mit dem Telefon. Während die Rosenfrau die vielen Plastiktüten füllt, bittet sie um eine Taxifahrt. Ich sage tschüss und gehe. Und seither frage ich mich. 

 

Jens Nielsen wollte ursprünglich die Hundeschule besuchen, wurde dann aber Schauspieler und Autor. Er ist Mitglied der Musikformation SEN-Trio mit Ulrike Andersen und Hans Adolfsen und arbeitet regelmässig für SRF2 Kultur. Einige seiner Vergehen sind hier aufgeführt: www.jens-nielsen.ch