«Wir sollten uns an den grossen Verhandlungstisch setzen!»

Susanna Perin, Künstlerin, Geschäftsleiterin von Visarte Aargau und im Vorstand des Aargauer Kulturverbands, macht sich Grund(satz)-Gedanken zur Covid-19-Krise.

TEXT Susanna Perin BILD Chris Iseli

Susanna Perin.

Letztes Jahr waren gerade erste Arbeiten meines Werkzyklus zur kolonialen Vergangenheit Italiens entstanden. Ein feines Beziehungsnetz nahm Gestalt an. Es begann der Austausch mit Forschenden, Kuratorinnen und Konservatoren. Wir führten Diskussionen über Ausstellungs­- und Vermittlungs­formate an Universitäten und in Museen. Eine spannende Zeit bahnte sich an. Plötzlich kam das Virus und traf auch mich unvorbereitet. Bald folgte der erste Lockdown.

Aktuell ist es schon der zweite. Seither tut sich bei mir wenig. Ausstellungen werden hin- und hergeschoben. Archive, Bibliotheken und Museen sind geschlossen, Universitäten im Fernunterricht. Institu­tionen sind mit der Bewältigung ihres Alltags beschäftigt. Vieles ist wegen der Einschränkungen in Verzug geraten. Kolleg*innen aus dem Theater sprechen zu Recht vom "Produktionsstau". Ohne Projekte keine Finanzierung und ohne Produktionen keine Einnahmen: ein Teufelskreis.

Klar ist, dass die Spätfolgen langwierig sein werden. Welchen Einfluss der Wegbruch von Aufträgen und Projekten auf Künstler*innen-Biografien hat und welche Folgen sich daraus für die Einkünfte der nächsten Jahre ergeben, ist heu­te noch nicht abzusehen. Viele verdienen dank zweitem und drittem Standbein nach wie vor. Da ist auch die Ausfallentschädigung, doch programmiert ist kaum etwas, also kann nur wenig ausfal­len. Diejenigen, die 2018/19 in der Produktionsphase waren, erhalten so gut wie nichts an Erwerbsersatz. Andere erhalten 80 Prozent von wenig, weitere brauchen ihr Erspartes auf.

Die Zuversicht war gross, als der Kanton Zürich das "Grundeinkommen" für Kunstschaffende ankündigte: eine einfache, unbürokratische Lösung, um alle durch die nächsten Monate zu bringen. Die Hoffnung, dass dies zum Vorbild für andere Kantone werden würde, war gross. Das Hoch dauerte nicht lange, denn da schaltete sich schon der Bund ein und verweigerte den Zürcher*innen das Geld für ihr Hilfsprogramm. Das Bundesamt für Kultur taxiert die Idee gar als illegal. Der Ausgang ist noch ungewiss. Nun zieht aber auch Basel-Stadt mit Zürich mit.

Die dringliche Frage, die sich mir aufdrängt, ist: Wo fliesst das wenige Geld, das uns geboten wird, überhaupt hin? Wir alle haben eine Infrastruktur zu unterhalten: Arbeitsraum, IT, Kommunikation, Versicherungen. Werden also mit den knappen Mitteln Menschen unterstützt, oder wird das System erhalten? Das ist eine gewichtige Frage, denn je nachdem, wie die Antwort ausfällt, können wir politische Beschlüsse nachvollziehen oder sie infrage stellen. Warum zahlen wir die ganze Miete, erhalten aber nur 80 Prozent Ausfall?

"Rekordhohes Schweizer Hilfspaket", schreibt Suisse Info am 12. Mai 2020. Im September berechnet der IWF, dass die Schweiz sich unter den Schlusslichtern befindet. 4,8 Pro­ zent des BIP fliessen an Corona-Hilfsgelder, ähnlich viel wie im schuldengebeutelten Italien. Die aktuellen Zahlen liegen noch nicht vor. Laut der Statistik zur Kulturwirtschaft in der Schweiz erarbeiten 63 000 Unternehmen und über 300 000 Kultur­ schaffende jährlich eine Wertschöpfung von 15 Milliarden Franken. Die gesellschaftlichen und finanziellen "Softskills" wie Zusammenhalt, Integration, Standortwettbewerb, Auf­wertung der Immobilienpreise, sind darin nicht enthalten.

Wir sollten bei dieser Grössenordnung die Rolle der Bittsteller*innen verlassen und uns an den grossen Verhand­lungstisch setzen. Wir erleben heute eine längst angekündigte Krise, die uns und speziell den Entscheidungsträger*innen deut­lich vor Augen führen sollte, wie prekär und ungesichert das Leben in der Kultur- und Kreativwirtschaft ist. Viele "Trittbrettfahrer" verdienen daran. Es ist an der Zeit, Modelle der sozialen Sicherheit zu entwickeln, die nicht, wie bisher, auf der symbolischen Ebene verbleiben. Wie könnte ein für selbstständig Erwerbende finanziell tragbares Versiche­rungsmodell aussehen? Ein Modell, das möglichst nicht zum Spielball der Finanzwirtschaft und des Föderalismus wird.