Wenn alles zusammenfliesst

Unterwegs mit Lena Friedli

TEXT Miriam Suter

Lena Friedli: Die 36-­jähre Kulturhistorikerin und Leiterin des Forums Schloss­ platz startet nach der Corona­-Zwangspause mit neuen Projekten durch.

Es wird wohl einer der vorläufig letzten Sommertage sein, an dem Lena Friedli auf einem roten Stuhl in der Aarauer Schwanbar Platz nimmt. Der Ort liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen Friedlis Wohnung und ihrer Arbeitsstelle: "Momentan ist das hier auf jeden Fall einer meiner liebsten Orte in Aarau, die Schwanbar ist die perfekte Sommerbar. Hier triffst du alle Generationen, das ist in Aarau sonst eher selten der Fall". Die 36­Jährige leitet seit November 2019 das Forum Schlossplatz, dort ist passenderweise bis Anfang September gerade Sommerpause. Aber eigentlich ist, seit Friedli ihren Job als Leiterin angetreten hat, ein bisschen Zwangspause. Zumindest fast: "Kurz nach meinem Antritt kam ja Corona. Ein normales, routiniertes Arbeiten gibt es für mich und mein Team seither noch nicht wirklich", erzählt sie.

Routine hat sich die Kunsthistorikerin in ihrer Laufbahn aber bereits zur Genüge angeeignet: Während und nach ihrem Studium arbeitete sie zehn Jahre lang in der Basler Kunstszene, wo sie unter anderem Teil des Vorstands vom Ausstellungsraum Klingental war. Der Off­Space war wäh­rend ihrem Studium fester Bestandteil ihrer Freizeit, erzählt sie: "Dort floss vieles in einem sehr guten Sinn zusammen: Der Kunstdiskurs, das Zeigen von aktuellen Arbeiten, aber auch das Beieinandersein, im Kollektiv veranstalten und auch einfach mal zu viel trinken.", sagt sie augenzwinkernd. Auf Basel folgte Luzern und die Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kunstmuseum. Ihre letzte Station vor Aarau war in Emmenbrücke als Kuratorin der Kunstplattform akku, dort kuratierte sie etwa das Performance­-Festival "Eile mit Weile - Zeit für Performance" oder Einzelausstellungen mit Klaudia Schifferle, Nils Nova oder Luigi Archetti.

"Das ist das Schönste am Kuratieren für mich: Dass ich mit fertigen Werken arbeiten und sie für andere Menschen zugänglich machen kann – Gastgeberin für die Werke sein darf."

Friedli entdeckte bereits früh, dass sie kuratieren will und sieht sich als Allrounderin: "Exponate auswählen, Zu­sammenhänge schaffen, Texte schreiben, Dinge wie die Me­dienarbeit erledigen bis hin zur Frage, welches Essen es bei der Vernissage gibt, das gefällt mir an dieser Arbeit enorm. Hier kommt alles zusammen und ich war schon immer jemand, der sich nicht nur für eine Thematik interessiert." Ihr breit gefächertes Interesse war für Friedli aber nicht im­mer nur einfach: Als Kantischülerin habe sie "gestrugglet", konnte sich nicht für ein Studium entscheiden, hat sich lange überlegt, Kunst zu studieren, stellte dann aber fest: Selbst Werke kreieren zu müssen, würde ihr nicht entspre­chen. "Ich nehme gerne etwas, das an mich herangetragen wird und übersetze das, drehe und denke es weiter. Das ist das Schönste am Kuratieren für mich: Dass ich mit fertigen Werken arbeiten und sie für andere Menschen zugänglich machen kann – Gastgeberin für die Werke sein darf", erzählt Friedli.

Die Lieblingslehrerin an der Kantonsschule riet ihr schliesslich zur Kunstgeschichte, der Studiengang sei quasi ein Kondensator für Gesellschaft und Kunst. Friedlis akade­mischer Weg führte sie vom Bachelor in Kunstgeschichte und Kulturanthropologie an der Uni zum Master in Visueller Kommunikation und Bildforschung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, beides in Basel. Ganz allgemein ist ihre Arbeitsphilosophie ein melting pot: Wenn unterschiedliche Dinge in gewinnbringender Weise zusammenfliessen, ist Friedli zufrieden mit ihrer Arbeit. Exemplarisch zeigte sich diese Erfüllung für Friedli am diesjährigen cirqu'­Festival, das über ganz Aarau verteilt stattfand: "Die verschiedenen Beteiligten haben alle wun­derbar zusammengearbeitet. Vom Forum aus wurde sogar eine Lichterkette über den Schlossplatz zum Stadtmuse­ um gespannt. Was für eine schöne Metapher! Das Festival war für mich ein Highlight. Solche Dinge will ich in Zukunft vermehrt sehen", führt Friedli aus.

Ums Zusammenführen, Umspannen und neu Andenken geht es auch bei der neuen Ausstellung, die Anfang September im Forum Schlossplatz Vernissage feiert. "my home is my castle. Das Private als Schutzraum?" beschäftigt sich mit dem Zuhause: Wo fühlen wir uns wohl, wie richten wir uns ein, was gibt uns Sicher­heit – und wo verläuft eigentlich die Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem? Dafür ist das Haus zum Schlossgarten an sich schon der ideale Ort: Im Erdgeschoss finden jeweils die Ausstellungen des Forum Schlossplatz statt, im oberen Stock sind repräsentative Räume der Stadt unterge­bracht und zuoberst sogar Privatwohnungen.

Für die neue Ausstellung fliessen zumindest die ers­ten beiden Stockwerke zusammen: Gemeinsam mit Anna Leibbrandt, Zuständige der Kunstsammlung Stadt Aarau, hat Friedli passende Werke von neun zeitgenössischen Künst­ler*innen mit einer Auswahl der Kunstsammlung kombiniert. Auch das Rahmenprogramm kreist um die verschiedenen Interpretationen von Zuhause: Das Filmprogramm "Home Sweet Home" fungiert dabei als räumliche und inhaltliche Erweiterung, gezeigt werden etwa der Dokumentarfilm "Garagenvolk", klar, in der Garage Bar, in der Alten Schoko­ladenfabrik läuft "Tillsammans", ein Film über eine wilde Hippie­-WG. Und man kann sogar Kunst mit zu sich nach Hause nehmen, quasi als ultimative Verschmelzung von öf­fentlichem Ausstellungsraum und den eigenen vier Wänden: In der Artothek verwandelt sich ein Teil der Kunstsammlung der Stadt in eine Ausleihe: Wer hier einen Benutzerausweis erstellt, kann ein Kunstwerk temporär mit nach Hause neh­men. Es fliesst also weiter für Friedli.

AARAU Forum Schlossplatz, "my home is my castle. Das Private als Schutzraum?",

Vernissage: 3. September, Ausstellung: 4. September 2021, bis 9. Januar 2022