«Wenig Wert­schätzung für Selbstausbeutung»

KOMMENTAR Nic Niedermann ist Musiker, Komponist, Produzent, Veranstalter, Gitarrenlehrer. Die Krise hat ihn bei voller Fahrt getroffen. Ein Kommentar zur aktuellen Situation.

TEXT Nic Niedermann BILD Christine Zenz

«Ich wünsche mir mehr proaktive Aktionen der Behörden»: Nic Niedermann.

Das Jahr 2020 hätte für mich grossartig werden können. Mit viel Schwung kam ich aus dem Jahr 2019. Dank den wunderschönen Jubiläumskonzerten zu 30 Jahren Tonic Strings, dem Album Release "Black & White Feeling" mit Justina Lee Brown und dem Sieg mit eigenen Kompositionen an der Swiss Blues Challenge. Im Aufbau dieses Projekts stecken zwei Jahre intensive Arbeit und Investitionen, dadurch falle ich durch die Maschen der Ausfallentschädigung beim SVA.

Als Gitarrenlehrer an der Kantonsschule Wettingen habe ich ein Jahr Auszeit eingelegt und alle Energie in meine Musik gesteckt. Im Januar hatten wir die Möglichkeit, die Schweiz an der International Blues Challenge in Memphis zu vertreten, und haben uns mit eigenen Songs bis ins Halbfinale und vor allem in die Herzen der Blues Community gespielt. Daraus resultierten Anfragen von Festivals aus Hongkong, Montreal, Chicago, Kroatien und ein Wochenengagement für das House of Blues in Las Vegas. Auch die Festivals in der Schweiz wurden auf uns aufmerksam, und wir hätten einige grosse spielen können, wären vor Zucchero vor 7000 Zuschauer*innen in Sierre aufgetreten. Tja hätten, wären, könnten...

Ich engagiere mich seit Jahrzehnten mit Herzblut für die Kultur in der Stadt Baden, angefangen mit der Besetzung des Falken und der Gründung der "Ikuzeba" in den 80ern. Ich bin seit sieben "Badenfahrten" musikalisch präsent und habe viele Konzertreihen aus dem Boden gestampft. Die wöchentlichen Afterwork Live Musik Konzerte im Club Joy organisiere ich seit sieben Jahren dank des Grand Casino Baden erfolgreich. Jährlich gab ich zirka 20 Konzerte im Prima Vista Musik Restaurant der Familie Donadio, bis dieses nun nach 15 Jahren Corona zum Opfer fiel.

Ich war immer stolz und innovativ genug, um mein Musikerdasein weitgehend ohne Subventionen zu meistern. Das Prinzip, dass wir als selbstständige Künstler*innen für jedes Projekt ohne Planungssicherheit um Geld fragen müssen, fand ich immer schon falsch und demütigend. Wir füllen die Bühnen mit Kultur, wir geben der Stadt und dem Kanton das vermarktbare Image der lebensfrohen Kulturstadt bzw. -kanton. Damit sich die Bevölkerung wohl fühlt, sich Firmen und gute Steuerzahler ansiedeln. Es gibt viele Studien darüber, wie wichtig initiative Künstler*innen für die Wirtschaft und den Standort sind. Leider spüren wir sehr wenig Wertschätzung für unsere selbstausbeuterische Leistung an der Gesellschaft, zumal die Musikbranche von der Digitalisierung schon arg gebeutelt worden ist.

Die Covidkrise führt uns die latent vorhandenen Probleme klar vor Augen. Institutionen, Kulturangestellte und -manager*innen sind durch Subventionen und Kurzarbeit weitgehend abgesichert, Einzelkünstler*innen und Freelancer*innen oftmals nicht. Die meisten von uns haben Nebenjobs, um unsere kulturelle Tätigkeit querzusubventionieren. Damit, heisst es nun sarkastisch, verhungert ihr ja nicht. Glücklicherweise verhungere ich nicht, auch dank des Preises des Aargauer Kuratoriums für mein künstlerisches Schaffen und der Ausfallentschädigung der Swisslos-Hilfe, die mir zirka ein Drittel der ausgefallenen Gagen ersetzt hat. Dies aber nur unter enormem administrativem Aufwand und einmal mehr in der demütigenden Bittstellerrolle.

Ich wünschte mir mehr proaktive Aktionen der Behörden, etwa die Organisation eines Sommerfestivals mit guten Gagen für Techniker*innen und Musiker*innen, oder ein Grundeinkommen für künstlerische Tätigkeit, oder eine garantierte Mindestgage - da gäbe es einige umsetzbare Möglichkeiten. Nun stehe ich da, ohne Engagements, ohne Sinn. Ich übe und motiviere mich jeden Tag und entwickle neue Projekte, damit ich bereit bin, sobald es wieder losgeht. Uns Künstler*innen geht die Arbeit nie aus, im Moment jedoch ohne Bühne und ohne direkte Bezahlung.

Die Impfung lässt auf baldige, reale Begegnungen und ein Ende des kulturellen Dornröschenschlafs hoffen. Bis dahin halten wir uns alle mental mit Büchern, Filmen und Tonträgern über Wasser, also doch mit Kultur!