Vorhang auf fürs Kurtheater

BÜHNE Am 14. Oktober öffnet sich endlich der violette Vorhang für die Liebhaber*innen des Theaters und vor allem des Kurtheaters Baden im sorgfältig erneuerten und erweiterten Haus. «Lulu» von Frank Wedekind liefert in der fulminanten Inszenierung des Residenztheaters München den Auftakt zu einem spannenden und vielfältigen Spielplan.

TEXT Kristin T. Schnider BILD Birgit Hupfeld

Das Kurtheater eröffnet sein Haus und die Saison mit dem Stück «Lulu».

Der künstlerische Direktor, Uwe Heinrichs, freut sich, mit diesem einst skandalträchtigen und opulenten Werk in der schlagfertigen Neufassung von Bastian Kraft das Haus und die Saison eröffnen zu können. Es ist "die starke Frau" mit all ihren Facetten, die sich zeigt in dieser "Lulu"-Inszenierung. Einst als anrüchiges Weibsbild porträtiert, nimmt Lulu jetzt das Heft in die Hand.

Regisseur Kraft hat sämtliche Rollen auf drei Schauspielerinnen verteilt. Als "Lulu-Trio" live auf der Bühne interagieren und diskutieren sie mit ihren Liebhabern und männlichen Alter Egos, die, auch von ihnen dargestellt, ab Video eingespielt werden. Die Maske ist so gut, dass man zweimal hingucken muss: auf diese Manns-"Bilder", die als Projektionen von der Wand her mitreden. Verspielt, ernst, mit einem Touch Vaudeville und voller Frauenpower gibt die dreifache Lulu den Tarif durch. Ihre Einladung in die Bilderwelt der Bühne wird als provokante Frage noch lang im Raume stehen bleiben: "Vielleicht geht es hier gar nicht darum, was wir sehen, sondern um das, was wir uns vorstellen?"

Neue Möglichkeiten, neues Programm

Der Spielplan entspricht den Vorstellungen von Uwe Heinrichs. Auf dem Programm steht modernes, hochka- rätiges Theater, international wie regional, das in diversen Formaten als Gastspiel, Ko- oder Eigenproduktion mit den neuen Möglichkeiten an Räumen und technischen Einrichtungen das Kurtheater beleben wird. Hervorstechend ist die Zusammenarbeit mit den Aargauer Theater- und Tanzgruppen, der Einbezug der Jugend und generell die offenen Formen "in einem Theater, das Lust macht, selbst Theater zu spielen".

Im Saal gibt es die Klassiker, mit "Urmel aus dem Eis" auch für Kinder, brisant Zeitgenössisches, Tanztheater und Musik – von "Ay-Flamenco!" bis hin zu Ballett, von Fidelio bis zum musikalischen Black-Power-Abend, einem Tribut für die grossen Diven des Souls. Für kleinere Formate wie Lesungen und Liederabende bieten sich Probebühne und das neue Foyer an – und im Sachs-Foyer findet nun erstmals eine Ausstellung statt, so wie es sich seine Namensgeberin, die Architektin Lisbeth Sachs, gedacht hatte.

Ob sie sich als Pionierin in einer Männerdomäne gar mit dem Eröffnungsstück, mit der Lulu selbdritt, identifizieren könnte? Rahel Hartmann-Schweizer, Autorin der ersten Monografie über Werk und Leben von Sachs und Kuratorin der dazugehörigen Ausstellung, verweist auf "facts", das Archivmaterial, das sie akribisch verarbeitet hat: Vorsicht mit Projektionen. Lisbeth Sachs sei aber immer offen gewesen für Neues, Experimentelles, auch im Theater, von dem sie geschrieben hat, dass es der Ort sei, wo sich alle Künste treffen und sich "die Besucher*innen im Zuschauerraum niederlassen können, um ihr eigenes Leben in kritischen Spiegeln wiederzusehen".

So bleibt die schöne Vorstellung, dass sie sich mit dem Theater, ja der ganzen Stadt über den Weiterbau "ihres Hauses" freuen würde und sich vom Anfang 1952 bis hin zum sorgfältigen Weiterbau unter der Ägide der Architektin Elisabeth Bösch über dem Kurtheater Baden ein sanfter Bogen von Frauenpower durch die Zeit spannt, bis hin zum 14. Oktober 2020 und weiter, in die erste Saison hinein, wenn es immer wieder von Neuem heisst: Vorhang auf!


BADEN Kurtheater
Wiedereröffnung: Mi, 14. Oktober, 19 Uhr

Programm Saison 2020/21