Von der Revolverküche zum Kulturlokal

KINO Das Odeon zählt zu den ältesten Kinotheatern der Region. In 2021 feiert es sein 100­Jahr­Jubiläum. AAKU blickt mit den Co­Betriebsleiter*innen Sue Luginbühl und Stephan Filati zurück auf eine bewegte Geschichte und in die Zukunft des Brugger Kulturhauses.

TEXT Philippe Neidhart BILD zvg

Das Odeon nach seiner ersten Renovation 1947.

Wir schreiben das Jahr 1921: Albert Einstein erhält den Nobelpreis in Physik, Charlie Chaplins Film "The Kid" feiert die Uraufführung, und in Brugg wendet sich Kinopionier Jean Speck mit der Bitte an den Brugger Gemeinderat, eine Bewilligung "zum Betriebe eines Theaters mit verschiedenen Darbietungen, in der Hauptsache kinematographische Vorführungen" zu erhalten. Heute - rund 100 Jahre später - zählt das Odeon Brugg zu den beliebtesten Kulturhäusern der Region und ist neben dem Royal das älteste noch bestehende Kino des Aargaus.

Dabei blickt das Gebäude direkt am Brugger Bahnhof auf eine reichhaltige Geschichte zurück. Als um 1930 der Tonfilm eingeführt wurde, setzte der damalige Betreiber Arnold Roschach hohe Anforderungen an das Kinoerlebnis und an sich selbst. So wollte er mit "den besten Filmschöpfungen beweisen, welch beachtenswerte, künstlerische Höhe der Film von heute erreicht hat", liess er sich damals zitieren, und nach einer ersten Renovation im Jahr 1943 rühmte sich das Odeon mit der "vollendetsten Vorführmaschine für Tonfilm".

In den Nachkriegsjahren jedoch folgte eine tiefgreifende Veränderung: "In den 50er- bis 70er-Jahren war das Odeon als Revolverküche bekannt, da es viele Western und Actionfilme zeigte", erzählt Co-Betriebsleiter Stephan Filati. Grund dafür war mitunter die Eröffnung des Kinos Excelsior im Jahr 1952. Dieses war als eleganter Kinosaal für die grossen Hollywoodfilme ausgelegt, mit mehr und bequemeren Sesseln. Deshalb spezialisierte man sich im Odeon auf Actionfilme, zusätzlich wurden an den Wochenenden Filme in italienischer Sprache für die Gastarbeiter gezeigt und die Spätvorstellungen mit Sexfilmen ergänzt. "Das war auch die Zeit, in der viele Landkinos schliessen mussten", erklärt Filati, "nur so konnte das Odeon überleben."

Vom Kino zum Mehrspartenhaus

Nach einem Dreivierteljahrhundert drohte dem Odeon in den 90er-Jahren dann doch fast das Aus - damals hätte das Gebäude einem Shoppingcenter weichen sollen. Nur dank dem unermüdlichen Einsatz des Apotheker-Ehepaars Bernadette und Max Kuhn und der Involvierung des Kulturvereins Arcus konnte dies verhindert werden: "Für mich war die Rettung des Odeons einer der grössten Meilensteine der jüngeren Geschichte des Hauses", sagt Filati,"seit der Übernahme hat sich das Haus extrem entwickelt."

So versteht sich das Odeon mittlerweile nicht mehr nur als Kino - mit einem breiten Angebot aus Theater, Film, Lesungen und Gastronomie vereint es verschiedenste Sparten des Kulturschaffens. "Die verschiedenen Pfeiler, auf die das Haus abgestützt ist, begünstigen sich gegenseitig und sind ineinander verzahnt", so Co-Betriebsleiterin Sue Luginbühl. Dass dies so harmoniert, ist mitunter dem Umstand zu verdanken, dass alle Sparten unter einem Verein und Vorstand organisiert sind.

Doch ohne Freiwilligenarbeit wäre dies kaum zu schaffen: "Das ehrenamtliche Engagement bringt eine unglaubliche Lebendigkeit ins Haus", freut sich Luginbühl. Gerade bei der Programmation beteiligen sich auch vermehrt jüngere Menschen - so ist aus dem Odeon mittlerweile ein florierender Kultur- und Begegnungsort geworden: Unter normalen Umständen kommen pro Jahr rund 30 000 Besucher*innen ins Haus, dies bei rund 1000 Kinovorstellungen und 70 Bühnenaufführungen. "Wir bringen ein Stück Urbanität in das provinziell anmutende Brugg", so Luginbühl.

Blick in die Zukunft

Nach rund vier Monaten coronabedingter Pause ist die Vorfreude auf zukünftige Anlässe sichtlich spürbar: "Wir sind in den Startlöchern für die Öffnung", sagt die Co-Betriebsleiterin. Nebst einem frischen Web-Auftritt für die kommende Saison sollen im September auch zum ersten Mal die Brugger Dokumentarfilmtage stattfinden.

Doch wird sich das Kino gegenüber Entwicklungen wie Streamingplattformen behaupten können? Technische Neuerungen wie der Tonfilm, Fernseher und die fortschreitende Digitalisierung seien schon immer massgeblich für die Veränderung der Kultur- und Kinolandschaft gewesen, so Filati: "Früher waren wir auf die Verleiher angewiesen, um an die Kopie eines Films zu kommen." Dabei wurden allerdings grössere Städte wie Zürich oder Baden bevorzugt, erst Wochen später gelangten die begehrten Filme schliesslich nach Brugg. "Wir versuchten deshalb, unbekanntere Filmperlen zu zeigen, die sonst kaum in Schweizer Kinos zu sehen waren", so der Co-Betriebsleiter, "das waren für uns immer kleinere Sensationen." Dies brachte dem Odeon auch überregional den Ruf eines Kinos mit einem ausgewählten und hochwertigen Programm ein, der bis heute anhält.

Dass die Digitalisierung das Kino auch weiter verändern wird, scheint klar. Dennoch zeigt sich Filati positiv: "Ich glaube fest an das Kino als einen Ort, in dem man gemeinsam einen Film sehen wird." Nicht mehr im Vordergrund stehen werde die Exklusivität - also dass ein Film zuerst auf Grossleinwand gezeigt wird, bevor er vom heimischen Sofa aus angesehen werden kann. Filati zieht hierbei einen Vergleich zur Musik: Durch die Streamingangebote hat sich das gesamte Business verändert, "das Konzert als solches ist aber noch immer sehr gefragt."

Ähnlich verhalte es sich auch mit dem Kino, das weiterhin seine Berechtigung haben wird. "Denken wir nur an das Open-Air-Kino Odeonair - dort können wir an einem lauen Sommerabend im Garten sitzen und zusammen einen Film geniessen", sagt Luginbühl. In diesem Sinne: Freuen wir uns also auf die baldige Öffnung und einen - hoffentlich coronafreien - kulturreichen Sommer mit ausgewählten Filmperlen, Konzerten und kulinarischen Köstlichkeiten im Garten des Odeons.

BRUGG Odeon
Jubiläumsfeier: Fr, 28. Mai, 18 Uhr