Vermessung der Gefährlichkeit

Täter*innen, die gravierende Delikte begangen haben, können in der Schweiz nach der Verbüssung ihrer Strafe verwahrt werden. Diese «präventive» Wegsperrung steht im Konflikt mit der Europäischen Menschenrechtskonvention. Susan Boos hat mit verschiedenen Expert*innen, von Verwahrten bis zum Strafrechtsprofessor, gesprochen und ein Buch darüber geschrieben.

TEXT Susan Boos BILD Peter M. Schulthess

Innenansicht: JVA Lenzburg 2019

Pöschwies, Lenzburg, Bostadel: Susan Boos besuchte auf ihrer Recherche die «bösesten» Straftäter der Schweiz, die Verwahrten (150 Männer, eine Frau). Sie sprach mit Gefängnisdirektoren, Angehörigen und Psychiater*innen. Wie wird die Verwahrung erlebt, wie wird sie gerechtfertigt, wie kommt sie überhaupt zustande und wie findet sie ein Ende? Die Autorin wird am 9. November mit dem Gefängnisdirektor der JVA Lenzburg, Marcel Ruf, über das spannungsgeladene Dilemma zwischen gesellschaftlichem Risiko und ethischen, rechtsstaatlichen Grundsätzen diskutieren. Gerichte stützen sich bei der Verhängung einer juristischer Massnahme wie der Verwahrung auf psychiatrische Gutachten. Weil diese nicht selten unterschiedlich ausfallen und kaum standardisiert sind, hat der forensische Psychiater Frank Urbaniok ein umstrittenes Diagnoseinstrument entwickelt, das Willkürlichkeit verhindern und das Rückfallrisiko besser beurteilen soll. Nachfolgender Text ist ein gekürzter Auszug aus Susan Boos’ Buch «Auge um Auge».

 

Das grosse Aber

Frank Urbaniok, der Psychiater, der das «forensische operationalisierte Therapie-Risiko-Evaluations-System», kurz Fotres entwickelt hat, erzählt: «Ich muss Ihnen ganz klar sagen, ich bin konsequent für die Verhinderung von Straftaten, ich bin auch für Repression. Damit habe ich keine Mühe. Es gibt allerdings ein großes Aber. Ich finde, man muss jeden Tag, den jemand sitzt, sachlich rechtfertigen können. Das muss unser Maßstab sein. In Düsseldorf habe ich einen Fall begutachtet, der Mann war siebzehn Jahre alt, als er ins Gefängnis kam. Er saß 23 Jahre, es gab über ihn ein Dutzend Gutachten und unzählige psychiatrische Stellungnahmen. Irgendwann hat jeder Gutachter nur noch vom anderen abgeschrieben, und keiner hat mehr hingeguckt. Das hatte eine Eigendynamik angenommen, da bekommt man diese kafkaesken und orwellschen Fantasien.» Der Mann hatte die Diagnose Sadismus und Paranoide Persönlichkeitsstörung. Diese sei falsch, sagt Urbaniok. Eine solche Diagnose werde man aber nie mehr los. Er schrieb ihm ein positives Gutachten. Basierend auf diesem Gutachten entließ ihn dann die Richterin. Es sei nicht selbstverständlich, dass eine Richterin diesen Mut aufbringe, sagt Urbaniok. Der Mann lebt nun seit mehr als fünf Jahren in Freiheit und ist nicht rückfällig geworden. 

 

Bestrafung nicht für die Tat, sondern für Persönlichkeitsmerkmale 

Anwält*innen, Menschenrechtsorganisationen und auch Psychiater*innen kritisieren Urbaniok für Fotres. Das Prognoseinstrument täusche eine Exaktheit vor, die unrealistisch sei. Es sei ein rechtsstaatlich fragwürdiges Instrument. «Der Delinquent wird nicht für seine Tat, sondern für seine Persönlichkeit weggesperrt», kritisiert zum Beispiel der bekannte Zürcher Psychiater Mario Gmür. Was stimmt? Wie kam das Instrument zustande? Wie funktioniert es? Urbaniok verlangt, dass sich Täter mit ihren Taten beschäftigen. Dazu brauche es eine deliktorientierte Therapie, wie er es nennt. Ihm schwebte eine Standardisierung vor – damit sich die Therapeut*innen überhaupt austauschen können und alle dasselbe meinen, wenn sie über den Verlauf einer Therapie reden. Fotres war also zuerst als Instrument der Qualitätsmessung gedacht. Dass Fotres auch als Prognoseinstrument benutzt werden kann, war Urbaniok am Anfang nicht bewusst. Er begann damit, lauter Einzelfälle auseinanderzunehmen, analysierte Fälle über Fälle und suchte nach Regeln. Es sei eine Rundum- die-Uhr-Beschäftigung gewesen, sagt er rückblickend. Zuerst habe er mit einer Kriterienliste gearbeitet, die zu einer Excel-Tabelle anwuchs. Die Liste ergänzt er kontinuierlich. «Wenn immer ich Fälle sehe, die nicht genau mit den bestehenden Risikoeigenschaften abgebildet werden können, fülle ich die Lücke durch das, was ich neu sehe», sagt er. Die aktuelle Version von Fotres enthält 102 Risikoeigenschaften. «Rückfallrisiken schweben nicht einfach frei in der Luft. Man muss sie zieldeliktspezifisch analysieren. Fotres macht das.» Urbaniok erklärt die Logik. Als erstes stellt sich die Frage: Was ist das Zieldelikt? Urbaniok spricht oft vom «Deliktme chanismus». «Ich habe auf der einen Seite eine Person mit Persönlichkeitseigenschaften und auf der anderen Seite eine Tat mit Tatmerkmalen. Dabei gilt grundsätzlich, dass das, was ein Mensch tut, irgendetwas mit seinen Gedanken, seinen Gefühlen und seinen Wahrnehmungen zu tun hat. Deswegen muss es eine Verbindung zwischen den Persönlichkeitseigenschaften und der Art der Tatbegehung geben. Um diese Verbindung erkennen zu können, muss ich herausfinden, welches die risikorelevanten Persönlichkeitsmerkmale sind. Welche Emotionen, Gedanken, Wahrnehmungen haben zu einer bestimmten Tat geführt? Mit den richtigen Risikoeigenschaften finde ich den Schlüssel zum Deliktmechanismus.»

 

Der Fall Rupperswil

Wir kommen auf den Fall Rupperswil zu sprechen, eines der grausamsten Verbrechen überhaupt. Einige Wochen vor unserem Treffen stand der Täter vor Gericht. Thomas N., Anfang dreißig, gutaussehend, wie die Medien immer wieder schrieben. Die Tat ist so brutal, dass man die Einzelheiten nicht erzählen mag. Der Mann brachte nach Weihnachten 2015 eine Familie um. Als Thomas N. vor Gericht stand, saß ich im Saal. Der Medienrummel war enorm. Alle warteten auf eine Erklärung für die unfassbare Tat. Daraus wurde nichts. Er war der normale Schweizer von nebenan. Nie auffällig, mal abgesehen davon, dass er immer noch bei seiner Mutter wohnte. Er führte ein Doppelleben, verbrachte viel Zeit im Internet, konsumierte Kinderpornografie und entwickelte Gewaltfantasien. Ein netter junger Mann wird aus dem Nichts zum Monster. Ist er einfach böse? Psychisch krank? Kann man so jemanden therapieren? Urbaniok kommt in Fahrt. Das Rupperswiler Beispiel illustriere, weshalb man in der Forensik mit Diagnosen nicht weiterkomme. Im Fall Thomas N. haben zwei Psychiater unabhängig voneinander ein Gutachten verfasst. Beide haben Diagnosen gestellt, die sich am ICD-10 orientieren, einem Verzeichnis, das alle Krankheiten auflistet und definiert. Beide Psychiater, die Thomas N. begutachteten, finden eine Persönlichkeitsstörung. Der eine diagnostiziert eine «zwanghafte Persönlichkeitsstörung», der andere eine «narzisstische Persönlichkeitsstörung» – was zwei vollkommen unterschiedliche Diagnosen sind. Einem zwanghaften Menschen sind Perfektionismus und ständige Kontrolle wichtig. Er fürchtet sich krankhaft davor, Fehler zu machen. Dem Narzissten fehlt die Empathie. Er überschätzt sich ständig, will, dass alle ihn bewundern, und reagiert stark gekränkt, wenn die Bewunderung ausbleibt. Die beiden Krankheiten haben in der Logik des IDC-10 so viel gemeinsam wie Diabetes mit Bluthochdruck. In einem Punkt sind sich die beiden Psychiater jedoch einig: Thomas N. leide an einer «Störung der Sexualpräferenz» und sei «kernpädophil». Beide Gutachter hätten den Deliktmechanismus überhaupt nicht erklären können, sagt Urbaniok. Trotzdem kämen sie zu dem Schluss, der Mann sei therapierbar. »Wenn sie sagen würden, die narzisstische Persönlichkeitsstörung sei der Grund für die Tat, dann hätten wir jede Woche ein solches Delikt, weil es viele Menschen mit narzisstischen Störungen gibt. Die «sexuelle Präferenz» erklärt den Deliktmechanismus auch nicht. Pädophile sind zu 99 Prozent nicht gewalttätig. Das finde ich das Gefährliche an diesen Diagnosen. Es gibt in ihnen eine Scheinplausibilität.« Die Gutachten hätten überhaupt nichts erklärt. Also müsse man auch offen dazu stehen. Urbanioks These lautet: Wenn der Deliktmechanismus nicht erklärt werden kann, lässt sich nichts zum künftigen Risiko sagen. Dann kann man auch nicht prognostizieren, ob jemand therapierbar sei. Man weiß ja gar nicht, was man therapieren soll, damit das Risiko sinkt. Aus Sicht von Urbaniok ist daher die Einschätzung zur Therapierbarkeit des Täters in beiden Gutachten falsch. Seine Kritik hatte Urbaniok öffentlich gemacht. Man empfand das als arroganten Versuch, das Gericht zu beeinflussen und die Gutachter zu demontieren. Urbaniok hat viele Männer gesehen, die schlimme Taten begangen haben. Wie viele würde er für immer wegsperren? «Wenige. Ich kann keine genaue Zahl sagen.» «Ist die Zahl eher zwei- oder dreistellig?» «Eher im zweistelligen Bereich. Aber es sind auch mehr als nur drei oder vier Personen.»

 

 

«Die Instrumente werden wie Thermometer benutzt»

 

Susan Boos, was war der Auslöser für Sie, um sich mit der Thematik der Verwahrung zu beschäftigen?

Strafen hat mich schon immer interessiert. Meine Generation ist noch mit Michel Foucaults «Überwachen und Strafen» gross geworden. Er beschreibt darin die strukturelle Macht des Strafens. Wie eine Gesellschaft straft, sagt viel über die sozial verankerten Disziplinierungsmechanismen aus, die auf uns alle wirken. Pardon, das ist jetzt etwas sehr abstrakt. Dass ich das Buch geschrieben habe, hat auch viel mit den Verwahrten selber zu tun. Viele schreiben regelmässig Redaktionen an. In meiner früheren Funktion als WOZ-Redaktionsleiterin landeten immer wieder derartige Brief bei mir. Und so begann ich sukzessive zu recherchieren.

Was ist genau das Problem der Verwahrung?

Dass sie unbefristet ist. Es gibt Verwahrte, die haben ein Urteil von drei oder vier Jahren kassiert, sitzen aber schon seit zwanzig oder dreissig Jahren im normalen Vollzug. Sie sind demselben Regime unterworfen wie Leute, die noch ihre Strafe verbüssen. Meiner Meinung nach ist das rechtsstaatlich höchst problematisch.

Haben Sie andere Ansätze kennengelernt?

In Deutschland dürfen Verwahrte nicht im normalen Strafvollzug untergebracht werden. Sie haben grössere Zimmer und auch ein lockereres Regime. Sie dürfen zum Beispiel jederzeit telefonieren oder haben Anspruch auf Ausgang, natürlich entsprechend begleitet. In den Niederlanden gibt es eine Einrichtung, die noch weiter geht: Dort versucht man den Leuten ein möglichst normales Leben zu gewähren, weil sie ja ihre Strafen verbüsst haben und nur weggesperrt sind, um die Bevölkerung vor ihnen zu schützen. Sie werden nicht als Gefangene, sondern als Einwohner*innen betrachtet.

Müsste man ohne Verwahrung über härtere Strafen diskutieren?

Der Berner Rechtsprofessor Martino Mona fordert in meinem Buch die Abschaffung der Verwahrung und im Gegenzug schärfere Strafen. Seine Argumentation: Man getraut sich heute nicht mehr zu strafen, deshalb weicht man auf die Verwahrung aus, die nach seiner Meinung nach ein No-Go ist. Mich hat das zum Nachdenken gebracht. Ich bin kein Fan von längeren Strafen, doch wenn dieser Ansatz es erlaubt, überhaupt wieder über dieses schwierige Thema nachzudenken, soll man darüber reden.

Und über andere Prävention?

Die meisten der Verwahrten, die ich kennengelernt habe, sind unter schwierigen Bedingungen gross geworden und haben massive Gewalterfahrungen gemacht. Das entschuldigt nichts, aber Kinder behütet und ohne Gewalt grosswerden zu lassen, ist eine gute Prävention.

Was halten Sie persönlich vom Instrument Fortres?

Über Fortres und auch die anderen Instrumente, die Gefährlichkeit messen wollen, wird viel debattiert. Frank Urbaniok, der Fortres entwickelt hat, sagte, er möchte mit seinem Instrument mehr Transparenz herstellen, damit Anwält*innen die Bewertungen auch offen hinterfragen und mit den Psychiater*innen auf Augenhöhe diskutieren könnten. Eine nachvollziehbare Überlegung. Wir leben aber in einer Welt, in der diese Instrumente benutzt werden wie ein Thermometer. Sie liefern am Ende eine Zahl, die als unverrückbares Ergebnis hingenommen werden. Eine hohe Zahl bedeutet zum Beispiel, dass jemand gefährlich ist. Darüber wird dann eben nicht mehr diskutiert. Das macht all diese Instrumente so gefährlich. 

Interview: Michael Hunziker

Susan Boos (*1963) ist Autorin und Journalistin. Sie studierte Ethnologie, Politologie und Publizistik. Seit 2021 ist sie Präsidentin des Schweizer Presserates.

 

Susan Boos: Auge um Auge. Die Grenzen des präventiven Strafens. Rotpunktverlag 2022 (l.). Das Foto stammt aus dem Buch «Gefängnisse in der Schweiz – Prisons en Suisse» von Peter M. Schulthess. Themaverlag, 2019.

 

 

GESPRÄCH: DIE GRENZEN DES PRÄVENTIVEN STRAFENS

Was tun mit gefährlichen Menschen? Sie lassen sich vielleicht resozialisieren, aber eben nur vielleicht. Deshalb wurde die Verwahrung eingeführt, die unbefristete Haft – um die Gesellschaft vor denen zu schützen, die es wieder tun könnten. An diesem Abend diskutieren Marcel Ruf, Direktor der JVA Lenzburg und Susan Boos über Verwahrung und Strafvollzug in der Schweiz.

AARAU Aeschbachhalle, Mi, 9. November, 19.30 Uhr