Vereinte Individuen

Unterwegs mit Boskovic-Scarth

TEXT Florian Binder BILD Florian Binder

Ideale Ergänzung: Rechtshänder Lorenz links und Linkshänder Vincent rechts im Bild.

Ins Gespräch versunken gehen zwei junge Männer der vielbefahrenen Wettinger Landstrasse entlang; angeregt gestikulierend und unbeeindruckt vom Lärm und Gestank des Verkehrsflusses neben ihnen, spielen sie sich ihre Aussagen zu, hin und her, und folgen aufmerksam den Einwürfen, Ergänzungen und Einfällen des Wegbegleiters, nur um dann, scheinbar am entscheidenen Punkt der Diskussion angelangt, kurz stehenzubleiben, amüsiert aufzulachen und sich wieder im Gleichschritt in Bewegung zu setzen. Die beiden auf den ersten Blick ungleichen Freunde, die sich an diesem Spätsommertag so einträchtig Richtung Gluri-Suter­Huus bewegen, sind Lorenz Bachofner Boskovic und Vincent Scarth.

Als Malerduo Boskovic-­Scarth erschaffen die beiden Lehrpersonen für bildnerisches Gestalten seit 2017 gemeinsam Bilder. "Wir sind zwei Autorenschaften, zwei Malerei-­Nerds, die sich jedes Mal von Neuem zur Zusammenarbeit entschliessen", erklärt der 31-­jährige, an der Kantonsschule Baden unterrichtende Rechtshänder Lorenz am Ziel der Spaziergangs, einem hübschen Fachwerkbau im Wettinger Dorfkern, wo bis Ende diesen Septembers aktuelle Arbeiten der Kollaborateure zum Thema "Pilze" ausgestellt waren. Der 29­jährige Vincent, der als freier Künstler und Gymnasiallehrer in Wettingen arbeitet und Linkshänder ist, fügt an, dass sie zwei Individuen seien, die zwar gemeinsame Sache machen, aber: "Wir wollen nicht zu einer Person zusammenfliessen."

Beim Betreten der Galerie springen den Besucher*innen sofort die leuchtkräftigen, expressiven Farben der an den Wänden hängenden Acrylbilder ins Auge; die dargestellten Motive – Menschen, Landschaften, Gegenstände – erhalten durch den oft impulsiv und spontan wirkenden Duktus eine quirlige, spielerisch­unschuldige Lebendigkeit; verschiedene Stile und Techniken ergänzen sich auf den Gemälden gewebeartig zu einem pulsierenden, emotional aufgeladenen Ganzen, was es für den uneingeweihten Betrachter nicht leichter macht, den Beitrag des Einzelnen zu erkennen. "Man kann uns kaum voneinander unterscheiden", bestätigt Lorenz.

Am Anfang eines Werks stehen die individuellen und / oder gemeinsamen Alltagserfahrungen der beiden Schöpfer. Ausgangspunkte für ein Bild, sagt Lorenz, seien jeweils Szenen und Dinge aus ihrer unmittelbaren Umgebung, sei es die Beerdigung der Grossmutter unter freiem Himmel oder das gepunktete Tischtuch im Ferienhaus. "Wir lassen die eigenen Erfahrungen einfliessen und fragen uns zu Beginn, was uns gerade unter den Nägeln brennt und in­spiriert." Und sein Komplize ergänzt: "Wir möchten mit unseren Bildern Geschichten erzählen und erfahren, welche Geschichten und Reaktionen diese wiederum beim Publikum ausgelöst haben; diese Vernetzung steht im Vordergrund unserer Arbeit." Die Interaktion mit den Leuten sei essentiell, weil er dadurch neue Perspektiven auf das Gemalte erhalte, stimmt Lorenz zu. "Ein Bild hält immer nur einen bestimmten Augenblick fest, das Vorher und Nachher dazu kann sich jeder und jede selbst vorstellen", sagt er.

Obwohl sich die Künstler schon während des Studiums in Zürich öfters über den Weg gelaufen waren, lernten sie sich erst am Ende ihrer Studienzeit näher kennen. Beide gaben sich zwar damals im selben Privatatelier die Klinke in die Hand, jedoch noch ohne auf Tuchfühlung mit dem anderen zu gehen. Eines Abends kamen sie beim gemeinsamen Bier endlich ins Gespräch und entschlossen sich, einen Kooperationsversuch zu wagen. Er könne sich noch gut daran erinnern, wie sie damals zusammen vor dem ersten Bild gestanden und darüber diskutiert hätten, wie es fortgesetzt werden könne, blickt Vincent zurück. Und Lorenz realisierte: "Da ist jemand, der mich versteht und ergänzt." So habe eins zum andern geführt.

Seither sind im Namen des Kollektivs rund 100 Bilder entstanden. Mit jedem Bild lerne man sich besser kennen, stimmen beide überein. Bei der gemeinsamen Arbeit gebe es keine festen Regeln, jedoch geschehe alles in Absprache mit dem Partner, erläutert Vincent, der gerne Gesichter malt. Dank der Kol­laboration habe er viel über den Umgang mit Farben und die Ausarbeitung von Details gelernt. Und: "Es gibt weniger zu tun und geht schneller", sagt er lachend. An den technischen Aspekt würden sie unverfroren herangehen, verrät Lorenz, der beim Malen eine Vorliebe für Produkte bekundet; man wolle verschiedene Stile nebeneinander darstellen und gelange dabei vom Groben ins Feine. Ausserdem sei es für ihn wichtig, das Gefühl des anderen hinter einer Idee zu verstehen.

Obwohl es durchaus vorkomme, dass man zu unterschiedlichen Zeiten an einem Bild weiter­ male, arbeiteten sie trotzdem meistens Schulter an Schulter am Ort des Geschehens, einem Laden­-Atelier unweit des Schaffhauserplatzes im Zürcher Kreis 6. Hier, wo Vincent vor kurzem auch eingezogen ist, trifft sich das Team der­ zeit etwa zwei Mal wöchentlich zum ganztägigen Malen, "zum Abfreaken und miteinander Spass haben", wie es Lorenz formuliert. "Das wollen wir uns trotz aller terminlicher Schwierigkeiten bewahren", betont sein Gegenüber.

"In der Malerei", meint Lorenz nachdenklich, "herrscht die Annahme vor, dass eine solche Zusammenarbeit nicht funktioniere könne, weil der andere deiner genialen Einsicht im Wege stünde. Wir aber haben gelernt, dass das gar nicht stimmt, sondern funktioniert und mega cool ist. Ich mag das Unvorhersehbare und das Kontrolle-Abgeben an unserer Arbeit." Der Störfaktor sei im kreativen Prozess wichtig, "sonst ist es zu linear und flüssig", pflichtet ihm Vincent bei. "Wir lassen uns auf Reibungen und Konflikte ein und lernen aus ihnen."