Urbane Beobachtungen

Christoph Küngs Tagebuch aus Belgrad.

TEXT Christoph Küng BILD Christoph Küng

Seit einigen Wochen bin ich nun hier in Belgrad und spaziere jeden Tag durch die Strassen, Parks und über die Brachen. Mein Spaziergang vor einigen Tagen führte mich in das Quartier, wo die sogenannten Beograd Waterfront entsteht, ein vom Staat stark geförderter Neubau-Perimeter entlang der Sava. Zwischen den staubigen Baugruben ragt ein phallusartiges Hochhaus in den Himmel, daneben befindet sich eine etwa 400 Meter lange, auf knapp 20 Grad klimatisierte Shoppingmall. Früher lebten in diesem Viertel Romas, welche den Müll der Stadt sortieren und bei der Stadtbevölkerung beliebte Flohmärkte veranstalteten. Die Verdrängung könnte nicht klarer sichtbar sein; eine Stadt mitten in ihrer Gentrifizierung. Das hat mich zwar nicht überrascht, trotzdem brennt sich dieses Hochhaus in meiner Wahrnehmung immer mehr als Arschlochfinger-­Symbol eines Wandels ein: Die Maxime von Kapitalismus und Konsum, die Belgrad Stück für Stück auffrisst und das vielfältige Leben, welches ich als das Schöne einer Stadt lieben lernte, verdrängt.

Fast zum täglichen Ritual wurde mein Spaziergang durch den Kalenić Markt. Ein bunter und sehr lebendiger Ort. Neben allerlei frischem Gemüse und Früchten gibt es hier Kleider, Schmuck, Pflanzen, Fleisch und Fisch, Sanitäreinrichtungen, Kunststoffprodukte, neue und gebrauchte Elektronikartikel und vieles mehr – eigentlich alles, was das Herz begehrt. Ich kann mich meistens nicht entscheiden, was ich an welchem Stand kaufen möchte. Und dann sind da noch diese älteren Herren, etwas am Rand des Markt­ geländes, rauchend und Rakija trinkend spielen sie Schach. Ein Ruhepol im Markttreiben – wie gerne ich mich anschliessen würde, dafür muss ich aber noch etwas Serbisch lernen. Immerhin haben sie sich sehr über meine Frage gefreut, ob ich von ihnen ein Foto machen darf.


Christoph Küng, 1988, lebt und arbeitet seit zehn Jahren in Baden. Neben seinen Tätigkeiten im und für das Kulturhaus Royal ist er Teil des OOAM Festivals, selbständigerwerbender Kulturmanager, Fundraiser und Künstler sowie Musiker mit der Pamplona Grup. Von der Stadt Baden und der Schweizer Städtekonferenz Kultur SKK hat er ein viermonatiges Atelierstipendium in Belgrad erhalten. Während seinem Auslandaufenthalt beobachtet Christoph Küng die sich im Wandel befindende Balkanstadt und verarbeitet seine Wahrnehmungen fotografisch, musikalisch und mit Zeichnungen.