Unterwegs mit Gianluca Trifilò

Unsere Autor*innen machen sich mit Kulturschaffenden auf den Weg und reden dabei übers Leben, philosophieren übers Schaffen und denken über die Zukunft nach.

TEXT Robin Schwarz BILD Robin Schwarz

Gianluca Trifilò.

Mitten im Badener Industriequartier: Aus einem zu engen und leicht ramponierten Lift treten wir in eine zweigeteilte Dachkammer. Auf der linken Seite stehen Leinwände, Bilder, Malutensilien. Davon wie durch eine unsichtbare Linie ge­trennt, die andere Seite. Ein Gestell mit allerlei Behältnissen, assortierten Werkzeugen, dann eine Liege mit rauer Wollde­cke, darauf eine zerknüllte Zeitung. Hin und wieder dröhnen dumpf Lastwagen von der Strasse her in den Raum, den sich der Künstler Gianluca Trifilò mit einer Malerin teilt. "Ich arbeite meistens nachts", sagt er, "so kommen wir gut aneinander vorbei." Die beiden mieten das städtische Atelier in der Alten Schmiede Baden seit zwei Jahren, weitere zwei bleiben ihnen. Das Atelier sei der einzige Ort, der ihm etwas bedeute, weil Orte für ihn weniger wichtig sind, erzählt er.

Trifilò und ich sitzen an einem abgewetzten Holztisch­chen. Am Fenster hinter ihm klebt ein Poster des Gartens der Lüste des niederländischen Malers Hieronymus Bosch, das mit seinem bunten Wimmelbildcharakter und dem schwarz­goldenen Rahmen aus der Tiefe des Raumes her­vorsticht – fast behaglich aussieht, und das, obwohl Bosch für seine grotesken Darstellungen berühmt ist, die alles andere als heimelig sind. "Menschen sind so absurde We­sen", sagt Trifilò während unseres Gesprächs einmal.

Über die Interpretation des Bildes sind sich Kunsthistoriker*innen alles andere als einig. Einige sehen darin eine Feier der leiblichen Freuden, andere ein Mahnwort vor drohender teuflischer Versuchung. "Das ist mein Lieblingsbild. Es zeigt die Gesellschaft, ihr Abdriften", kommentiert er Hieronymus Bosch. Trifilòs Kunst kreist um eine ähnliche Thematik: Um Drogen, um Medikamente. Oder passender: um Abhängig­keiten, die sie erzeugen, oder jene Abhängigkeiten, die wei­tere Abhängigkeiten generieren, um die Wechselwirkungen in unserer Gesellschaft.

In seinem Portfolio finden sich auch Grabkerzen, die aussehen wie Xanax-­Tabletten, oder eine Dornenkrone aus Spritzennadeln. Vor unserem Treffen fragt er mich, ob ich Beipackzettel von Neuroleptika oder Antidepressiva besitze. Er möchte mit mir daraus Origami-Figuren bas­teln, die die Hassliebe, die Menschen manchmal zu ihren Medikamenten hegen, verkörpern sollen. Die Materialität von Beipackzetteln hat es ihm angetan, so hat er Hunderte von Beipackzetteln zurechtgeschnitten und sie zu einem schweren Buch binden lassen, bedruckt mit goldenen Lettern, 24 Karat, die Namen von Medikamenten, und dem grossen Logo – ein Kreuz – des Pharmakonzerns Bayer, der Ende des 19. Jahrhunderts Heroin auf den Markt brachte.

Trifilò blättert im Buch und weist darauf hin, das Papier von Beipackzetteln sei jenem der Bibel erstaunlich ähnlich. Ge­nauso verhalte es sich auch mit dem Glauben daran. Da stehen ellenlange Listen mit Wirkungen und Neben­wirkungen – manchmal fast arbiträr in ihrer Unterscheidung. Trifilòs Pharmabibel stellt eine Verbindung her zwischen der sinnlichen Welt von Kunst und Religion auf der einen Seite und der Lakonie der Moderne auf der anderen.

Auch Heroin wurde ursprünglich als Medikament ent­wickelt, ironischerweise als Weiterentwicklung von Morphin, im Glauben, es habe all dessen Vorteile und kaum Nebenwirkungen. Zusammen mit der Ablei­tung des Namens Heroin vom altgriechischen Wort "hḗrōs" für "Held" wird auf bittere Weise verständlich, was Trifilò meint, wenn er vom Zusammenhang von Glauben und Medikamenten spricht – und was seine Bibel darstellt: Auch die vermeintlich neutrale Wissenschaft ist in einen ideologischen Kontext eingebettet, in dem es um Politik und Kontrolle geht.

Wir hätten nie gelernt, mit Drogen umzugehen, erklärt Trifilò, denn das Bedürfnis nach Rausch gehöre zur mensch­lichen Natur, schliesslich sei das ein Thema, das Tausende Jahre zurückgeht. Selbst Kinder hätten Freude an Rausch­zuständen, sagt er, wenn sie sich zum Beispiel wild im Kreis drehten und lustvoll mit dem Schwindel spielen. Nicht jeder habe dieses Bedürfnis – er zum Beispiel nur sehr bedingt – aber es habe schon immer eine wichtige gesell­schaftliche Funktion eingenommen, zum Beispiel in schamanischen Ritualen. Heute hingegen sei ein Ziel von Medikamenten – so wichtig und nötig sie auch seien – die Anpassung, das Ruhigstellen, das Funktionieren in einer Maschinerie. Manchmal legal, manchmal illegal, der Zweck bleibt dersel­be.

Trifilò fragt sich, ob wir in 50 Jahren mit ähnlicher Reue auf die Verschreibung von Ritalin zurückblicken werden, wie jetzt auf jene von Heroin. Für ihn seien die Parallelen klar sichtbar, und das trotz der paradoxen pharmakologi­schen Unterschiede: Das eine ein Sedant, das andere ein Aufputschmittel. Beide aber mitunter eingesetzt, um Kinder zu beruhigen – gleichzeitig würden wir unsere Kinder vor Drogen schützen wollen.

Ein Zusammenhang, der ihm bei einer seiner Arbeiten aufgefallen ist, eine Kartografie aus von Medikamenten, mit denen Trifilò die Verbindungen von "Kunst, Kommerz und Konsum" aufzeigen möchte, herleiten möchte, wie Pharmaindustrie und die menschliche Kulturgeschichte zusammenhängen. Am Ende geht es aber doch nicht "nur" um Pharma und Drogen, sondern eben um Abhängigkeiten. Darum sind die goldenen Lettern auf Trifilòs Bibel nicht nur Namen von Medikamenten. Dazwischen steht auch mal Netflix, Instagram oder Youtube.

GIANLUCA TRIFILÒ (*1982) aus Baden beschäftigt sich anhand bildender Kunst und Performance mit komplexen und gesell­schaftlich tabuisierten Themen.