Tauziehen zwischen Generationen

Die Theaterprojekte Bodinek und Fetter Vetter & Oma Hommage bringen Hansjörg Schertenleibs temporeiches, poetisches Stück «Ein Vorhang aus Rasierklingen» über die Auseinandersetzung mit dem Älterwerden in die Tuchlaube Aarau.

TEXT Kristin T. Schnider BILD zvg

Auf der Suche nach Lösungen: Delia (Denise Hasler) mit ihrem Grosspa Arnold (Werner Bodinek).

BÜHNE Da ist ein Raum voller Kisten, sie sind halb voll oder halb leer, bereit, gefüllt zu werden mit dem, was noch herumsteht, was jeweils vom Leben in der eigenen Wohnung bleibt, und - wohin auch immer mitgenommen werden kann. Nach Thailand zum Beispiel.

Aber nein! Arnold, der 70-jähri­ge Senior, der mit seiner Enkelin Delia und ihrem unerwartet eintreffenden Freund auf der Bühne steht, will nicht nach Übersee verfrachtet werden. Der Plan seiner Tochter, ihn weit vom Schuss, an einen schönen Strand an die Wärme zur Pflege abzuschieben, als klar wird, dass er an Alzheimer erkrankt ist, kommt weder für ihn noch für Delia, die ihm einpacken helfen soll, in Frage.

Aber was tun? Was geschieht mit Arnold, was soll mit ihm geschehen? Im Tauziehen zwischen den Generationen, den unterschiedlichen Vorstellungen davon, wer sich wann und wie um diejenigen küm­mert, die älter werden, erkranken, und nicht mehr so funktionieren, wie die Gesellschaft es erwartet, entfalten sich zwischen Kisten und bekritzelten Wänden Momente der Schönheit, der echten Wärme und der Poesie.

Im Gegensatz zur abwesenden Mutter geht Delia auf ihren Grossvater ein. Erstmals neugierig, lernt sie sein Leben kennen, findet Nähe und Gemeinsamkeiten; sie macht mit bei seinem spielerischen, witzigen Umgang mit der Sprache, die ihm, wie die Wirklichkeit, wie wir sie kennen, allmählich entgleitet. Sie werfen sich Worte und Sätze zu. "Ein Bett aus Glas." - "Ein Tisch aus Wasser." - "Ein Vorhang aus Rasierklingen?" fragt Delia. "Man muss nicht alles verstehen", antwortet Arnold.

Sich einzufühlen ist, was möglich ist. So wie jetzt, wenn die Schauspielenden von Bodinek und Fetter Vetter & Oma Hommage unter der Regie von Damiàn Dlaboha das Publi­kum zu einer Innensicht einladen, dazu, die Welt einmal durch die Augen von Arnold zu sehen.

AARAU Tuchlaube Do, 15. Dezember, 20 Uhr (Uraufführung); Sa, 17. Dezember, 20 Uhr; So, 18. Dezember, 17 Uhr; Di, 20. Dezember, 20 Uhr