Sommersonnenwende, mythische Nächte und nordische Weisen

Im Juni starten drei hochkarätige Festivals im Aargau, die die Herzen der Klassikfans höherschlagen lassen. Die geschichtsträchtigen Spielorte und die vielen grossen Namen bürgen für Ambiente und unvergessliche Momente, ja sogar Zeitreisen.

TEXT Verena Naegele BILD zvg

Ragnild Hemsings spielt nordische Weisen auf einer Hardangerfiedel.

Kunterbuntes unter freiem Himmel

Die "Lenzburgiade" verwandelt Städtli und Schloss zu einer "Festhütte der Musik", bei der sich Klassik und Folk die Hand geben. Es beginnt mit einem Konzertspaziergang zum Schloss und endet mit "Hurtigrute", nicht per Schiff, sondern mit Ragnild Hemsings nordischen Weisen, welche sie auf einer sagenumwobenen Hardangerfiedel spielt. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs, denn da gibt es "Barocken Folk zur Sommersonnenwende", das Duo Calva, das dem argovia philharmonic "den Marsch bläst" und einen "Last Tango", gespielt auf dem Metzgplatz oder im Schlosspark. Ein Leckerbissen sind die "Gassenhauer auf der Reeperbahn" des Tenors Daniel Behle und des Oliver-Schnyder-Trios – der Co-Festivalleiter spielt persönlich auf.

LENZBURG Schlosshof und Metzgplatz, 21.-26. Juni
Programm: www.lenzburgiade.ch

Intime Musik inbarocker Pracht

Eine Woche zum Schwelgen bietet das Solsberg Festival. Es punktet mit der einmaligen Verbindung von Kammermusik in der barocken Pracht der Stadtkirche Rheinfelden und der Stiftskirche Olsberg. Natürlich steht dahinter die Weltklassecellistin und Halb-Namensgeberin Sol Gabetta, die jeweils mit ihrem illustren Freundeskreis in die magische Welt der Kammermusik entführt. Auch bei der siebzehnten Ausgabe ist eigentlich jedes der offerierten Konzerte Pflicht.

Den verheissungsvollen Auftakt machen die für Cello bearbeitete Violinsonate von César Franck und das Klaviertrio op. 65 von Dvořák. Ein"tönendes Mysterium" verspricht am zweiten Abend Franz Schuberts berührendes Streichquintett, interpretiert vom weltberühmten Hagen Quartett. In dieser atemberaubenden musikalischen Flughöhegeht es weiter mit dem berühmten Oktett für Streicher von Felix Mendelssohn. Mit jugendlich-lebhaftem Elan packt der erste Satz, elfenhaft-flirrend das Scherzo. In den Händen und Bögen von Cracks wie Patricia Kopatchinskaja (Violine), Lawrence Power (Viola) oder Sol Gabetta (Cello) wartet ein Ohrenschmaus ohne Wenn und Aber.

Unter dem launigen Titel "Laisser durer la nuit" entführen die Mezzosopranistin Lea Desandre und der Lautenist Thomas Dunford in die höfische Musik des 17. Jahrhunderts, die bestens in die Olsberger Kirche passt. Und dann gib tes da auch noch das neu lancierte Format "Young Artists" mit vier Konzerten, das so perfekt zur Festivalleiterin passt. "Es ist mir ein Anliegen, jungen aufstrebenden Talenten eine Plattform zu bieten", sagt Sol Gabetta. Sie hat auch einmal so angefangen!

RHEINFELDEN Stadtkirche St. Martin
OLSBERG Klosterkirche
23. Juni bis 3. Juli
Programm: www.solsberg.ch

Haufenweise Fortüne in Boswil

Endlich geht es wieder los, und wie! Passend zum letztjährigen "Glück" mit der Auszeichnung des Europäischen Kulturpreises heisst das Motto des "Boswiler Sommer" heuer symbolträchtig "Fortuna". Unter der Glücksgöttin wird ein Füllhorn an Konzerten ausgeschüttet, was die Wahlschwierig macht. Eine Konstante gibt es in all der Musikpracht, das Ensemble "Chaarts" ist in fast allen Konzertenpräsent. Nicht weniger als dreizehn Events werden angeboten, die Komponisten reichen von barocken Meistern wie Jean-Philippe Rameau, über Romantiker wie Mendelssohn Bartholdy bis hin zu Zeitgenössisch-Jazzigem von Daniel Schnyder.

Trotz dieser üppigen Auswahl gibt es ein paar Trouvaillen, die besonders ins Auge stechen. Da ist einmal das Gastspiel des Oberwalliser Vokalensembles, das der Dirigent Hansruedi Kämpfen zum Garanten hochstehender Chormusik geformt hat. Carl Orffs unverwüstliche "Carmina Burana" werden so zum Ereignis, gespielt wird eine neue Fassung für kleines Orchester, und es gibt ausgezeichnete Solisten wie Sophie Klussmann (Sopran).Wer lieber einen Abstecher zum "Sonnengott" machen möchte, dem sei das Konzert mit Avi Avital (Mandoline)empfohlen, der mit Partnern traditionelle Musik aus Israel, Bulgarien und der Türkei leuchten lässt.

Aber erst nach einemklassisch-lichtvollen Auftakt mit Bartóks Rumänischen Volkstänzen und Haydns "Sonnenquartett". Avital ist noch bei einem weiteren Konzert dabei, worin er Vivaldis "Le Quattro Stagioni" mit seiner Mandoline eineungewohnte Klangnote gibt. Glanzpunkt des Abends ist allerdings Giulia Semenzato. Die Sopranistin, die mit berühmten Barockformationen wie den "Musiciens du Louvre" auftritt und im Teatro la Fenice in Venedig zu Gast ist, singt traditionelle Gondellieder, ein Leckerbissen!

In der Schlussmatinée leuchtet dann ein "Dreigestirn": Gespielt wird Schumanns Violinsonate op. 121 und Brahms Klarinettenquintett op. 115 - in einer Fassung für Viola. Als dritte im Bund kommt Clara Schumann mit zwei Werken für Klavier zum Zug.

BOSWIL Künstlerhaus, 24. Juni bis 3. Juli
Programm: www.kuenstlerhausboswil.ch