Sie gehen hoch hinauf

Eine muss immer die Erste sein. Das neue Buch «Himmelwärts» der Autorin Daniela Schwegler stellt die Pionierinnen der Schweizer Bergführerzunft ins Zentrum.

 

TEXT ZVG BILD Ephraim Bieri

Knapp 40 Frauen zählt der Schweizer Berg- führerverband. Und 1300 aktive Männer. 1986 erhielt Nicole Niquille als erste Frau das Schweizer Diplom als Bergführerin. Einfach war das für die Pionierin damals nicht in einem Land, in dem fünf Jahre zuvor erst die Gleichstellung der Geschlechter in der Verfassung verankert worden war. Die Autorin Daniela Schwegler porträtiert in ihrem neuen Buch «Himmelwärts» zwölf Frauen:  Bekannte Bergführerinnen wie die Abenteurerin Evelyne Binsack und die Vorreiterin Nicole Niquille ebenso wie eine junge Aspirantin aus Deutschland oder die Höhlenforscherin, die erklärt: «Jeder Gast ein graues Haar». Sie erzählen von der Leidenschaft, die sie antreibt: Ihre Liebe zu den Bergen an andere Menschen weitergeben, nicht nur sportliche, sondern auch persönliche Träume verwirklichen, und nebenbei mit so manch einem Vorurteil aufräumen.

Nicole Niquille 

Sie war die Erste: Nicole Niquille, 63, erhielt 1986 das Bergführerdiplom. Sie brach damit in eine Männerbastion ein und ebnete vielen Frauen den Weg zum Beruf als Bergführerin. Grenzen kennt die unerschrockene Greyerzerin aus Charmey (FR) keine. Sie lernte Gleitschirm- und Kleinflugzeugfliegen und erklomm die höchsten Gipfel der Welt, von den Alpen bis zu den Himalaja-Giganten wie Everest und K2. Dann wurde sie jäh aus ihrem Leben als Spitzenalpinistin herausgerissen: Beim Pilzsammeln fällt ihr ein nussgrosser Stein auf den Kopf, durchbohrt ihre Schädeldecke und zertrümmert ihr motorisches Zentrum. Seither ist sie querschnittgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Mit unbändigem Willen kämpfte sie sich zurück in ihr–neues–Leben. In den Walliser Alpen bewirtschaftete sie das «Chez Nicole», lernte dort die Liebe ihres Lebens kennen und führte gemeinsam mit ihrem Partner fünfzehn Jahre lang das Bergrestaurant. Bis es sie abermals zu neuen Ufern zog. 2005 baute sie mit ihrer Invaliditätsrente in Nepal, dem Land, in dem sie sich immer schon willkommen fühlte, ein Spital für die Bevölkerung. Selbst immer wieder auf Hilfe angewiesen, widmet sie ihr Leben heute anderen Menschen, die ein weniger gutes Los gezogen haben. Auch heute noch lässt sie sich durch nichts stoppen. Regelmässig reist sie nach Nepal, wo sie Trekkings anbietet. «Ich will andere ermutigen und freue mich an allem, was ich machen kann», sagt sie. «Mein Leben ist schön jetzt, ja. Ich bin glücklich!»

 

Barbara Leuthold

Auf Barbara Leutholds Bergtouren öffnen sich Fenster in die Schatzkammer der Pflanzen-und Tierwelt, flicht die Biologin doch unentwegt Naturbeobachtungen mit ein. Seit 1999 ist die Illnauerin (ZH) Bergführerin. Mit hellwachen Sinnen und ausgestattet mit Feldstecher und Lupe entdeckt sie auf ihren «Natouren» alles, was wächst, hüpft, fliegt oder summt und brummt: hier das Rascheln eines Birkhuhns, dort ein Edelweiss oder ein vom Blitz erschlagener Baumriese voller Schwarzspechtlöcher. Ihr Sperberauge, ihr grosser Wissensschatz und ihre Begeisterung für alles Lebendige sind Garant für Bergerlebnisse voller Aha-Momente und Überraschungen. Dabei spiegelt sich in ihrem feinen Antlitz mit den funkelnden Augen unter dem silbergrauen Haar oft Freude pur. Die Schätze der Natur zaubern der 53-Jährigen ein Lächeln ins Gesicht, und es ist, als färbten ihre Freude, ihre Zufriedenheit und ihr inneres Strahlen auf die Gäste und ihre Umgebung ab.

 

Buch

Daniela Schwegler, «Himmelwärts. Bergführerinnen im Porträt», Rotpunktverlag 2019.