Sehnsucht nach Begegnung

Bei Tanz und Kunst Königsfelden herrscht doppelte Freude: Das Residenzzentrum tanz+ öffnete vor Kurzem seine Tore, und mit «Sei Nacht zu mir» präsentieren sie in der Klosterkirche Köngsfelden ihr neustes Stück – mit internationalem Ensemble.

TEXT Philippe Neidhart BILD Alex Spichale

Die Artist*innen von Tanz & Kunst Königsfelden im Zusammenspiel mit dem Kaleidoscope String Quartet.

BÜHNE Noch wird in den Räumlichkeiten des Oederlin-Areals an der Limmat fleissig geprobt: Unter dem geschulten Blick des Choreografen schreiten die Tänzer*innen begleitet von Streichmusik aufeinander zu, umgarnen sich mit fliessenden Bewegungen – treten in einen körperlichen Dialog. "Sei Nacht zu mir" nennt sich die aktuelle Produktion von Tanz und Kunst Königsfelden, in der die Sehnsucht nach Annäherung, Begegnung und Liebe im Zentrum steht.

"Das Stück passt in unsere Zeit", so die Künstlerische Leiterin Brigitta Luisa Merki. Der Titel stammt von einem gleichnamigen Gedichtband des deutsch-iranischen Schriftstellers Said: "Sei Nacht zu mir – am Rande dieser Tage – mit den Worten ohne Gesicht", zitiert Merki die sinnstiftenden Zeilen. Die Nacht ist ein Moment der Ekstase – in der Liebeslyrik geschieht die Begegnung der Liebenden just zu jener Zeit. "Es ist auch die Sehnsucht, endlich wieder an einem Ort zusammenkommen zu können und etwas zu erleben", so Merki – etwas, das für uns alle in jüngster Zeit nur schwer möglich war.

Symbiose von Musik und Tanz

Die Gedichte dienen dabei als Inspirationsquelle und Ausgangspunkt, daraus entstehen mit dem internationalen Ensemble aus zehn Tänzer*innen unter der Leitung des Choreografen Remus Şucheană neue Bilder. Dieser ist bei weitem kein Unbekannter. Unter Martin Schläpfer war Şucheană lange als Solist tätig, und von 2016 bis 2020 als Direktor verantwortlich für das Ballett am Rhein in Düsseldorf. Mit Marlúcia do Amaral konnte zudem eine herausragende Persönlichkeit verpflichtet werden, die 2019 den Deutschen Theaterpreis "Der Faust" in der Kategorie "Darstellerin Tanz" entgegennehmen durfte. Grundsätzlich setzte man beim Ensemble auf Diversität – die Akteur*innen verfügen über Erfahrung in unterschiedlichsten klassischen und zeitgenössischen Tanzstilen. "Gerade bei den Duetten ergeben sich so viele spannende Konstellationen, wo die Tänzer*innen sich aktiv einbringen können", freut sich Merki.

Musikalisch umspielt werden diese vom Kaleidoscope String Quartet, das in der Klosterkirche Königsfelden eigens komponierte Werke präsentieren wird. "Es war seit längerem ein Wunsch von mir, mit ihnen zusammenzuarbeiten", so die künstlerische Leiterin, "sie sind ein Wahnsinnisquartett und passen in keine Schublade." Die in Jazz und Klassik ausgebildeten Musiker kreieren ihre eigene Klangsprache und lassen Genregrenzen gekonnt hinter sich. "Das Quartett ist für uns aber nicht einfach eine Begleitung – wir lassen ihnen Raum und binden sie in das tänzerische Geschehen ein, sodass ein Gesamtkunstwerk entstehen kann." Ergänzt wird Musik und Tanz durch bewegliche Lichtobjekte von Simon Renggli, die in den sakralen Gemäuern für eine mystische Stimmung sorgen werden.

Einzigartiges Projekt

Die Tänzer*innen residieren für drei Monate in einem Gästehaus in Baden. Dieses ist Teil des Projekts "Residenzzentrum tanz+", das im März dieses Jahres von Tanz & Kunst Königsfelden realisiert wurde. Ein solches Projekt ist in der Schweiz einzigartig, alleine schon aufgrund der Grösse – und die Nachfrage riesig, es gingen bereits 22 Bewerbungen ein, das Zentrum ist bis im Februar 2022 ausgebucht. Das Konzept sieht dabei vor, professionellen Kunstschaffenden aus dem In- und Ausland eine Plattform zu bieten - sowohl als Probeort als auch Produktionsstätte.

Dabei war es für Merki wichtig, dass das Residenzzentrum für Tanzarten in ihrer ganzen Vielfalt offensteht und auch interdisziplinär gearbeitet werden kann. Komplementär zu den Residenzen sind zudem Vermittlungsprojekte wie Ferienworkshops für Jugendliche oder Seminare für Tanzpädagog*innen geplant. Der Standort im Oederlin-Areal ist hierfür ideal und bietet grösstmögliche Freiheit: "Wir vereinen die Urbanität mit einer geschützten Umgebung", sagt Merki. So wurden – mit viel Freiwilligenarbeit – die Räumlichkeiten bei der Limmat renoviert, und die Studios erhielten einen neuen Boden. Mitte März konnte so das Residenzzentrum tanz+ schliesslich eröffnet werden.

Tanz braucht Raum

Dass ein solches Projekt Anklang findet, liegt nicht zuletzt an einer Eigenheit des Tanzes: "Viele der jetzigen Resident*innen konnten ein Jahr lang nicht tanzen – denn Tanz braucht Raum, das geht zu Hause oft nicht", so Merki. Entstanden ist das Residenzzentrum dabei aus dem Vermächtnis der Tanzcompagnie Flamencos en route. Da diese ab 2021 keine finanzielle Unterstützung mehr durch das Aargauer Kuratorium erhielt, musste das Projekt nach 36 Jahren schweren Herzens eingestellt werden – und dann ist da auch noch dieser verflixte Virus.

Merki dachte trotz allem nicht ans Aufhören, ihr Blick ist auf die Zukunft gerichtet: "Wenn es schwierig wird, muss man sich doppelt engagieren." Der Tanz habe nur wenig Lobby und brauche Platz, um sich zu entfalten, dafür setze sie sich seit jeher ein: "Wenn ich hier im Studio bin und arbeite, dann weiss ich, weshalb ich das mache." Nicht zuletzt ist es auch das kulturaffine Publikum des Kantons Aargau, das ihr Kraft gibt: "Es ist sehr wichtig zu spüren, dass die Leute wissen wollen, was wir machen." Auch deshalb werden die Zuschauer*innen von "Sei Nacht zu mir" mit einem roten Teppich empfangen: "Das Publikum ist von uns abhängig und wir vom Publikum."

WINDISCH Klosterkirche Königsfelden
28. Mai bis 27. Juni,
www.tanzundkunst.ch


OPEN
Gemeinsam mit dem Kurtheater Baden, dem Thik und der Sterk Cine AG lanciert Tanz & Kunst Königsfelden das Transformationsprojekt OPEN, finanziell unterstützt durch den Kanton Aargau und das Bundesamt für Kultur BAK. Im Rahmen des gemeinsamen Projekts wurden tänzerische Szenarien in den verborgenen Räumlichkeiten der Kulturinstitutionen von der Filmemacherin Lidija Burcak eingefangen. Die Kurzfilme werden an verschiedenen Orten in diversen Lokalitäten rund um Baden erlebbar gemacht. phn

www.-open-kultur.ch