Herr Pauli, was kostet das Kulturerbe den Kanton Aargau?

Ein Gespräch mit Thomas Pauli-Gabi, Leiter Abteilung Kultur des Kantons Aargau, über Preis und Wert des hiesigen Kulturerbes, über das Sammeln und zerstören von Objekten und die Unverzichtbarkeit von Freiwilligen.

TEXT Corinne Rufli

Herr Pauli, was kostet das Kulturerbe den Kanton Aargau?

Thomas Pauli: Viel! Aber das hat noch nie jemand zusammengezählt.

Wer entscheidet, was als erhaltenswert gilt?

Bei Gebäuden sind es Private oder der Heimatschutz, die beim Kanton ein Gesuch stellen für eine Unterschutzstellung. Das läuft dann über zwei Beurteilungsinstanzen, die kantonale Denkmalpflege und die für solche Fälle zuständige regierungsrätliche Kommission. Auf Empfehlung der Kommission entscheidet das Departement BKS, was unter Schutz gestellt werden soll. Pro Jahr sind das etwa sieben Objekte. Neben ganzen Gebäuden gehören dazu aber auch Wegkreuze, Kapellen oder sogar Wirtshausschilder.

Das ist aber nicht viel.

Im Aargau ist knapp ein halbes Prozent der Gebäude unter kantonalem Denkmalschutz. Das sind 1500 von insgesamt rund 230 000 Gebäuden. Das sind im Vergleich mit unseren Nachbarkantonen wenige geschützte Denkmäler.

Wo hat das Bewahren von Kulturerbe seine Grenzen?

In der Archäologie zum Beispiel werden auf regulären Ausgrabungen 95 Prozent der Strukturen zerstört und entsorgt. Wir können diese Fülle an Hinterlassenschaften unmöglich aufbewahren, ausser die wirklich erhaltenswerten Objekte. Nicht selten trifft man im Aargau beim Bauen auf unerwartete archäologische Funde. Die Dunkelziffer von denen, die schnell weiterarbeiten, um einen Baustopp zu verhindern, dürfte recht hoch sein.

Dafür sucht der Aargau aktiv Objekte für seine historische Sammlung des Museums Aargau?

Da fokussieren wir auf die Industriegeschichte. Aber auch hier gibt es ein Ressourcenproblem: Wir können keine Maschinenparks anlegen, darum müssen wir die Rosinen herauspicken.

Kriege oder Machtkämpfe stehen oft als Ursprung für diejenigen Bauten, die wir heute als Kulturerbe bezeichnen, wie Burgen oder Schlösser.

Die Schlösser Wildegg und Lenzburg haben keine kriegerische Vergangenheit. Doch von diesen Wahrzeichen geht eine Faszination aus. Viele Menschen besuchen Schlösser, würden aber nie in ein Museum gehen. Das erachte ich als Chance für die Vermittlung unserer Geschichte an eine breite Bevölkerung. In der Wissensvermittlung wird viel mehr als Krieg geboten, es stehen das Leben und der Wirkungskreis der Menschen an diesen Schauplätzen im Zentrum.

Oft werden solche Wahrzeichen nur konserviert. Doch wie können sie sich weiterentwickeln, damit kein Aargauer Ballenberg entsteht?

Heute suchen die Besucher*innen ein Erlebnis. Den Trend zu gemeinsamen Erlebnissen widerspiegeln die Schloss-Foxtrails oder der Legionärspfad. Authentisches, wie vergessene Handwerkstechniken, wird wichtiger. Auf dem Mittelaltermarkt in Lenzburg beobachte ich jedes Jahr, wie die Menschen fasziniert dem "Feuermacher" beim Funkenschlagen zuschauen und dabei die vermutlich wichtigste Erfindung der Menschen wiederentdecken.

Warum beteiligt sich der Kanton Aargau - engagierter als andere Kantone - am nationalen Kulturerbejahr?

Unser Ziel ist es, dass möglichst viele Leute wissen, welche spannenden Geschichten, Denkmäler und Brauchtümer es in unserem Kanton gibt. Zudem wollen wir auch sensibilisieren: Was gibt mir das Kulturerbe persönlich? Was unserer Gesellschaft? Mit dem geplanten Programm wollen wir der Bevölkerung den roten Teppich ausrollen und sie auffordern, gemeinsam dem wertvollen Kulturerbe Sorge zu tragen.

In anderen Ländern, wie in Syrien, wird dieses gerade zerstört.

Man will die Identität, das Gedächtnis und die Verbundenheit zerstören. Was für den einzelnen Menschen zutrifft, gilt auch für eine Gemeinschaft: Wenn die Erinnerung aus- gelöscht ist, fehlt für die Gestaltung der Zukunft der Erfahrungsrucksack. In der Schweiz haben wir das auch schon erlebt, während der Reformation, als Kirchenausstattungen zertrümmert wurden. Oder beim Einfall der Eidgenossen 1415 in das Gebiet des heutigen Aargaus. Eine wichtige Beute war das Archiv der Habsburger, quasi der herrschaftliche Gedächtnisspeicher, wo die überlieferten Rechte an Land und Leuten festgeschrieben waren.

Was bedeutet Ihnen der Fokus im Kulturerbejahr auf die Freiwilligenarbeit im Kulturbereich?

Nehmen wir die Museen. Im Aargau gibt es mehr als 50 Museen, davon viele Dorfmuseen. Sie erhalten das Gedächtnis im Dorf wach, es werden Vorträge oder Führungen angeboten. Diese Arbeit wird oft ehrenamtlich verrichtet. Zu diesem Engagement muss man Sorge tragen. Es ist heute einfacher, projektbezogen Helfer*innen zu finden, doch Menschen, die sich in einem Vorstand eines Vereins verpflichten, werden rarer. Aber nur so können dauerhafte Strukturen, wie sie auch Museen brauchen, aufrechterhalten werden. Wir wissen, wenn Freiwillige in der Kultur wegbrechen, bekommt unsere Gesellschaft ein grosses Problem.

Warum soll man sich freiwillig engagieren?

Das Engagement der Helfer*innen ist oft nicht nur rein altruistisch, auch wenn sie viel geben. Sie suchen als Gegenwert Gemeinschaft, schöne Arbeitsorte, Kontakt mit Fachleuten. Das wird als ein persönlicher Gewinn und eine Bereicherung empfunden.

KULTURERBEJAHR - AN DIESEN VERANSTALTUNGEN KANN MAN DEN AARGAU NEU ENTDECKEN

Das kulturelle Erbe des Kantons Aargau ist reichhaltig - von den Eroberungen der Römer über die Herrschaft der Habsburger bis hin zur Grenzziehung auf dem Reissbrett durch Napoleon. Anlässlich des "Europäischen Jahres des Kulturerbes" soll die Bevölkerung Gele- genheit erhalten, die vielfältige Aargauer Geschichte und die ihrer Dörfer, Städte und Regionen neu zu entdecken und ihre Bedeutung zu diskutieren. Mit dem Jahresthema "Expedition 2018: Entdecke wundervolle Schätze!" ist auch Museum Aargau mit dabei und lädt ein, die Schätze seiner Sammlung zu erleben. Auf 19 Touren an neun Standorten erfahren die Besucher*innen die Geheimnisse und Geschichten 888 ausgewählter Objekte. Am Aabach kann man zudem in einen virtuellen Museumsraum eintauchen. Mit der neuen App "IndustriekulTOUR Aabach" wird die frühindustrielle Pulsader zwischen dem Hallwilersee und der Aare zum Augmented-Reality-Erlebnis. Und in Baden setzt das Historische Museum ab Mai mit speziellen Rundgängen inklusive Bootsfahrt den Schwerpunkt auf die Bädergeschichte. Unter dem Motto "Zu Gast bei ..." öffnen private Eigentümer*innen die Türen von denkmalgeschützten Bauten.

Alle Veranstaltungen und Informationen zum Kulturerbejahr im Aargau: www.ag.ch/kulturerbe2018

Highlights im Kulturerbejahr

Vernissage "Wunderkammer": Schloss Hallwyl öffnet seine Tore und lädt zur Entdeckungstour durch die Wunderkammer des wundersamen Schlossherrn Hans von Hallwyl.
SEENGEN Schloss Hallwyl, Mi, 4. April, 18.30 Uhr

Zu Gast bei Kirchenpflegepräsident Linus Hüsser: Linus Hüsser führt durch das beeindruckende Kulturdenk- mal Kirchenbezirk Herznach.
HERZNACH Pfarrkirche St. Niklaus, Fr, 7. April, 14 Uhr

Führung durch die Schatzkammer des Kantons: Vom Kunstwerk bis zum Alltagsgegenstand, von mittelalterlichen Wappentafeln bis zum Freiämter Strohhut.
EGLISWIL Sammlungszentrum, Di, 10. April; Di, 8. Mai; Di, 5. Juni, 18.30 Uhr

Exklusive Archäologie-Tour: Der Archäologe und Aargauer Kulturchef Thomas Pauli-Gabi zeigt seine Highlights und spannendsten Entdeckungen im Römerlager Vindonissa.
BRUGG Vindonissa Museum, Do, 10. Mai; Sa, 19. Mai, 13.30 Uhr