Rüebliland – eine Bildergeschichte

In der Ausstellung «Zeitgeschichte Aargau – 1950 bis 2000. Bilderkosmos eines halben Jahrhunderts» präsentiert das Stadtmuseum Aarau eindrückliche Fotografien.

TEXT Philippe Neidhart BILD Ringier Bildarchiv

Eingetütetes Wappen-Gemüse: Der Aargau und sein Rüebli wäre eine Geschichte für sich.

Autobahnen, weisse Socken und Atomkraftwerke, ein Zentrum sucht man vergebens – so in etwa lauten die landläufigen Stereotypen zum Aargau. Und doch blickt der Kanton auf eine bewegte Geschichte zurück, wie eine neue Ausstellung im Stadtmuseum Aarau zeigt. Grundlage dafür ist die rund 600 Seiten starke Publikation "Zeitgeschichte Aargau. 1950-2000", die mit wissenschaftlichen Beiträgen die jüngste Kantonsgeschichte aufarbeitet.

"Unsere Idee war es, die neu erforschte Kantonsgeschichte mit Fotografien aus unseren Sammlungen zu erzählen", sagt Laura Aellig, Fotokuratorin des Stadtmuseums Aarau. So besteht seit längerem ein Kooperationsauftrag mit dem Staatsarchiv Aargau für die Vermittlung des Ringier Bildarchivs. Hinzu kommen Fotografien aus der Sammlung des Stadtmuseums wie etwa aus dem Nachlass des mittlerweile 90-jährigen Aarauer Fotografen Werner Erne.

Fluorkrieg und Frauenfussball

Im Raum gibt es eine grosse Raumskulptur aus rund 80 grossformatigen Bildern, die sich in fünf Themenblöcke unterteilen lassen. So beispielsweise wird "Kultur" mit Fotos von DJ Bobo, Theater, Zirkus und von Festivals visualisiert: "Bei den grossen Bildern haben wir darauf geachtet, dass sie ikonisch sind oder für sich selbst stehen können", erklärt Aellig.

Im Themenblock "Gesellschaft und Alltag" werden Themen wie Frauenfussball oder das Shoppi als erstes Einkaufszentrum nach amerikanischem Vorbild abgedeckt. Der Schwerpunkt "Wirtschaft" seinerseits widmet sich den Gastarbeiter*innen, die viel zum Wohlstand der Schweiz beigetragen haben, auch die Stromthematik mit den Atomkraftwerken und der BBC sind in diesem Block enthalten.

Mit dem Themenbereich "Staat und Politik" werden Bilder von Ursula Mauch als erste Aargauer Nationalrätin zu sehen sein, ebenso Fotografien zum Fluorkrieg, als Fricktaler Bauern Anfang der 1960er-Jahre gegen die Emissionen der Aluminiumproduktion demonstrierten. Der Block "Raum und Mensch" befasst sich schliesslich mit den zahlreichen Aargauer Autobahnen, der Architektur oder zeigt eine Karottenverpackungsmaschine.

Stereotype Fotografien

Die Ausstellung fragt danach, welche Fotografien unser visuelles Gedächtnis prägen: "Oftmals handelt es sich bei Pressefotografien um stereotypisierte Symbolbilder", sagt Aellig. So beispielsweise wurde die Thematik der Gastarbeiter*innen anhand von Menschen mit Koffer abgebildet – diese ikonischen Fotografien fanden sich später auch auf politischen Plakaten.

"Unser Ziel war es, solche Stereotypen aufzunehmen und diesen andere Bilder entgegenzuhalten", sagt Aellig. Erstaunt haben die Kuratorin in diesem Zusammenhang die katholischen Notkirchen, die im Baukastensystem aufgestellt wurden, da der Bedarf an klerikalen Bauten aufgrund von Gastarbeiter*innen aus dem Süden gestiegen war. "Für die 60er- und 70er-Jahre ist dies doch eher anachronistisch."

Um die reichhaltige Aargauer Geschichte der jüngsten Zeit weiter zu kontextualisieren, werden zusätzlich zu den grossformatigen Fotografien Leuchttische aufgestellt, auf welchen weitere thematische Bilder auf Folien betrachtet werden können. "So werden die Museumsbesucher*innen selbst zu Forschenden, die in die Bildwelten eintauchen können." Begleitend dazu wird für jede Episode eine Hör- spur bereitgestellt, die einen vertiefenden Kontext zu den einzelnen Bildern und Themenbereichen liefert und diese einbettet.

Im Rahmen des überspannenden Forschungsprojektes "Zeitgeschichte Aargau" wurden auch Interviews mit Zeitzeugen geführt – diese können ebenfalls, zusammen mit Beiträgen aus dem Archiv des SRF, an der Ausstellung angehört werden. Zusätzlich wird es sogenannte "Interruptionen" geben – über vier Projektoren werden Thesen zum Kanton Aargau zu sehen sein, die zur kritischen Reflexion einladen.

AARAU Stadtmuseum, 14. November. Bis 3. Juli 2022.

Infos zu Begleitveranstaltungen: www.stadtmuseum.ch

Lesetipp: Wir empfehlen wärmstens die eben erschienene, reichbebilderte Publikation "Zeitgeschichte Aargau 1950-2000", Hier und Jetzt Verlag, 2021.