Rosen und Campari Soda

Unterwegs mit Lulu Bianco

TEXT Miriam Suter BILD Miriam Suter

Luca Erismann aka Lulu Bianco auf der Terrasse des Relais 102 in Aarau.

Wer mit jungen Musiker*innen aus Aarau über ihre Arbeit spricht, spricht zwangsläufig auch über das Thema Raumnutzung. Lulu Bianco heisst eigentlich Luca Erismann, trägt eine blaue Jacke und trinkt Kaffee aus dem Automaten im Relais 102-Gebäude hinter dem Bahnhof. Auf der Dachterrasse bei Nieselregen erzählt er, dass der Vertrag für den Raum im unteren Stock, den er zusammen mit ein paar Freunden mietet, bald ausläuft. Und die Suche nach einem neuen Ort gestaltet sich mehr als schwierig: In Aarau einen Ort zu finden, wo man lärmig sein darf und nicht dreimal die Woche staubsaugen muss, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein - gerade für junge Menschen. "So jung bin ich zwar eigentlich gar nicht mehr", sagt der 23-Jährige.

Musik begleitet ihn schon sein ganzes Leben, aufgewachsen ist er mit den Bands, die seine Eltern hörten: 80er-Rock, Beatles, Dire Straits. Als Teenager habe er dann angefangen zu rebellieren: "Eigentlich mochte ich den Sound, aber ich fand es irgendwann uncool, die Musik meiner Eltern zu hören." Erismann hörte damals Hip-Hop, vor allem Eastcoast, Nas, Gang Starr und Mos Def. Und er fing an, selber zu rappen, im Tonstudio seines Vaters, der als Selbstständiger Werbespots vertonte: "Das war aber eher aus Spass, ich und ein paar Freunde."

Mit dem Ende der Pubertät veränderte sich Erismanns Musikgeschmack in Richtung Indierock, Cloudrap und Post-Punk. Er bringt sich selber bei, Beats mit dem Keyboard aufzunehmen. Etwas zu veröffentlichen, war eigentlich nie das Ziel: "Ich machte Musik eigentlich nur für mich, aber habe die Songs auf Soundcloud geladen, um sie meinen Freunden zu zeigen." Vor etwa drei Jahren stellte Erismann den Song "Menü" ins Netz, "der bekam irgendwie total viele Klicks und ich weiss gar nicht genau, weshalb. Aber ich habe damals gemerkt, dass es Leute gibt, die meine Musik wirklich hören." Seither achte er etwas mehr auf Qualität, erzählt er: "Früher habe ich einfach alles ins Netz gehauen, das ist heute sicher nicht mehr so."

Der Raum, den Erismann zusammen mit ein paar Freunden mietet, fungiert nicht nur als Bandraum. Seit Beginn der Pandemie ist Raum etwas, das vor allem jungen Menschen fehlt: Die Clubs sind zu, die Polizeikontrollen auf den Strassen sind strenger als früher. Hier im Relais 102 existiert eine kleine Komfortzone – die bald wieder geräumt werden muss. Die Pandemie hat bei Erismann aber auch künstlerisch etwas ausgelöst: "Ich habe angefangen, intensiv Musik aus den frühen 2010er-Jahren zu hören, viel Indierock und solche Sachen. Das hat meine eigene Arbeit definitiv beeinflusst, ich denke nicht, dass das ohne die Pandemie passiert wäre." Lulu Bianco bewegt sich im Trap- und Cloudrap-Universum, mit Abschweifungen zu Psychrock und Dreampop.

Die finale Version eines Songs entsteht bei Erismann bei der Aufnahme selbst – die Texte schreibt er nie vorher: "Ich finde das irgendwie eine seltsame Vorstellung", sagt er. "Dann schreibst du drei Stunden lang einen Text und musst den dann über die Musik legen, dieser Prozess fühlt sich für mich nicht natürlich an". Er produziert seine Musik im Zimmer zu Hause bei seinen Eltern im Aarauer Goldernquartier und nimmt die fertigen Tracks im Keller auf: "Dort habe ich mein Equipment, das Mikrofon und so, und ein paar Lichterketten an der Wand – das fühlt sich sehr träumerisch an und stimmt irgendwie mit meiner Musik überein."

Erismann ist in Aarau aufgewachsen, war ein künstlerisches Kind, hat viel gezeichnet. Warum Musik als Outlet? "Ich mag es, dass Musik Emotionen so direkt transportieren kann. Du hörst einen Song und er berührt was in dir, das finde ich schön", erklärt er. Vor Beginn der Pandemie stand Lulu Bianco immer wieder auf der Bühne, etwa im Flösserplatz. Livekonzerte vermisst er: "Die Energie, die man auf der Bühne fühlt, ist wirklich speziell. Wenn du merkst, dass du mit deiner Musik Leute berühren kannst, gibt einem das etwas zurück." Eine professionelle Musikerkarriere strebt er trotzdem nicht an. Erismann war ein halbes Jahr an der Kantonsschule, absolvierte dann eine kaufmännische Lehre und arbeitet momentan als Videograf. Im Herbst beginnt er ein Studium für angewandte Psychologie an der ZHAW in Zürich.

"Ich glaube, wenn meine Songs auf SRF gespielt werden würden, dann würde ich nicht mehr so gerne Musik machen", sagt er. Die Kulturszene ist klein in diesem Land, die fetten Kuchenstücke werden unter wenigen verteilt. Für junge Musiker*innen ist es schwierig geworden, über konventionelle Kanäle erfolgreich zu werden. Lulu Biancos Szene ist auf Instagram, Soundcloud und Spotify, wie für die meisten aufstrebenden Talente in der Schweiz. Lulu Bianco veröffentlichte dieses Jahr sein erstes Album "Colours Forever".

Hier hört man den Einfluss von Joy Division und Konsorten, das Album klingt mal low-fi, mal wie ein Trip durch die 80er-Jahre in Pastellfarben, irgendwo versteckt sich eine Hommage an "Campari Soda" von Taxi. Und immer wieder: "Ich weiss ned, was lauft, ich weiss ned, was ich wott vo der – oder vo mer." Der Song, der auf Spotify am erfolgreichsten ist, heisst "ich wörd der jo rose chaufe". Es ist eine hastige Ballade darüber, dass leider Sonntag ist und die Läden geschlossen haben – aber dass man irgendwann sicher Rosen kaufen wird, wenn man es nicht "verpeilt". Der Song klingt ein bisschen wie eine Abhandlung über das Datingleben einer jungen Generation. Über Unverbindlichkeit, aber ein bisschen verknallt ist man vielleicht schon, aber wer würde das schon zugeben?

Miriam Suter ist freie Journalistin


Luca Erismann aka Lulu Bianco kreiert Syntiesounds und sphärische Hymnen, die wie Grüsse aus den 80ies tönen. Der 23-jährige Aarauer veröffentlichte im März sein neues Album "Colours Forever" und startet im Herbst sein Psychologiestudium.