Revolutionäre Kunstbewegung

Krise als Ressource: Das Kunstschaffen kann Menschen in psychischen Krisensituationen helfen, sich zu stabilisieren und die Gesellschaft als Ganzes zu kurieren. Rose Ehemann hat das Konzept des Living Museums in die Schweiz gebracht. Im Gastbeitrag erklärt sie seine Ziele.

TEXT Rose Ehemann

Pionierin des Living Museum: Rose Ehemann (2. v.l. vorne)

Als künstlerisches Konzept versucht das Living Museum die Gesellschaft in Verbindung mit Kunst und Heilung zubringen. Es ist gewissermassen eine sich ständig wandelnde Performance, denn sowohl die Involvierten als auch das künstlerische Gesamtwerk verändern sich darin permanent. Ziel des Living Museums ist der Identitätswechsel vom Menschen mit psychischen Erkrankungen zur Künstlerin, zum Künstler in einer familiären und inspirierenden Atmosphäre. Der österreichische Psychiater Michael Lehofer bezeichnete das Living Museum treffend als Ort der Wärme. Das Living Museum-Konzept wird in der Fachwelt als Revolution in der Geschichte der Psychiatrie wahrgenommen. Aufgrund seines bedeutenden Einfluss für die Gesellschaft spriessen weltweit Living Museums wie Pilze aus dem Boden. 1983 von Janos Marton, einem ungarischen Künstler und Psychologen, und Bolek Greczynski, einem Künstler aus Polen, als eine Art Kunst-Asyl gegründet, war das Living Museum beeinflusst von der europäischen Art-Brut-Szene. Als Gebäude für das Living Museum haben Marton und Greczynski von der Klinikleitung des Creedmoor Psychiatric Center in Queens, New York, auf dem weitläufigen Klinikareal ein verlassenes Restaurationsgebäude zur Verfügung gestellt bekommen, welches ehemals eine riesige Küche und 20 Speisesäle für 1000 Menschen mit psychischen Erkrankungen beherbergte. Sie renovierten es und füllten es nach und nach mit Leben und stellten es in den Dienst der Verbindung von Kunst und Heilung, da sie der Meinung waren, dass sich moderne Kunst und psychische Krankheit fast vollständig überlappen. Das hohe künstlerische Potential von Menschen, die psychische Extremerfahrungen gemacht haben, wird regelmässig in Ausstellungen der Öffentlichkeit gezeigt.

Umgekehrte Inklusion

In diesen Orten der Wertschätzung transformieren die Kunstschaffenden Aspekte ihrer Vulnerabilität, die vielfach mit psychischen Erkrankungen und damit verbundenen Symptomen einhergeht und immer noch Stigmatisierungen ausgesetzt ist, als Stärke in ihrer authentischen Kunst. Betroffene erschaffen im Living Museum kollektives kulturelles Kapital, welches sich inspirierend auf die Atmosphäre des Raumes und die solidarische Community und die Gesellschaft auswirkt. Frei von Zeit- und Leistungsdruck können sie sich in einer Sicherheit vermittelnden Umgebung entfalten. Alle sind willkommen, so wie sie sind. Das Living Museum kehrt die vorherrschende Idee der Inklusion um: nicht den Betroffenen soll der Schritt der Inklusion in die Gesellschaft zugemutet werden, sondern wir laden die Gesellschaft ins Living Museum ein, damit sie in den Dialog mit einzigartigen und liebenswürdigen Künstler*innen kommt und auf diese Weise von innen heraus gesund wird. Weil es vor allem unsere Gesellschaft ist, die Transformation und Heilung braucht – gerade in dieser schwierigen krisengebeutelten Zeit. So gesehen leben wir im Living Museum in einer wahr gewordenen Utopie. Das Living Museum Wil wurde als weltweit zweites seiner Art etabliert. Es ist Therapie- bzw. Tagesstrukturangebot für Menschen mit psychischen Erkrankungen aller Diagnosegruppen in stationären oder ambulanten Settings. Derzeit begleitet der Verein Living Museum Schweiz den Aufbau weiterer Living Museum in Zürich, Solothurn, Schaffhausen, Münsingen, Bern, Basel, March und Chur, sowie in Potsdam und in Madrid.

 

Dr. Rose Ehemann, Kunsttherapeutin, Kulturmanagerin, Künstlerin. Sie ist seit 1993 mit dem Living Museum New York verbunden, initiierte ab 2002 das Living Museum Wil und baute zusammen mit Magdalena Steinemann den Living Museum Verein Schweiz auf.