Poetische Reise

Das Stapferhaus setzt sich kritisch mit grossen Fragen der Gegenwart auseinander. In der neuen Ausstellung «Natur. Und wir?» wird das ambivalente Verhältnis des Menschen zur Umwelt thematisiert. Das AAKU hat sich mit der Kuratorin Sonja Enz unterhalten.

TEXT Philippe Neidhart BILD Anita Affentranger

Natur ist ein unglaublich breites Thema - worauf habt Ihr bei der Konzeption der Ausstellung den Fokus gelegt?

Sonja Enz: Wir möchten das Verhältnis des Menschen zur Natur in den Blick nehmen: Was ist Natur überhaupt? Sind wir Teil von ihr oder ist sie Teil von uns? Und wie wollen wir den Umgang mit ihr gestalten? Es geht darum, den Boden zu befragen, auf dem sich die aktuellen Debatten entspinnen. Wir laden die Besucher*innen ein, sich spielerisch mit ihrem eigenen Naturverständnis auseinanderzusetzen und sich auf neue Perspektiven einzulassen.

Geolog*innen sprechen von einem neuen Zeitalter, dem sogenannten "Anthropozän". Artensterben, Abholzung der Tropenwälder und schmelzende Gletscher – die Menschheit ist zu einem geologischen Faktor geworden.

Die Folgen des menschlichen Handelns auf der Erde sind gravierend und stellen uns vor riesige Herausforderungen. In der Ausstellung zeigen wir Statistiken und Fakten zum Zustand der Erde und wir lassen Menschen zu Wort kommen, die jeden Tag mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert sind. Damit wird die Dringlichkeit des Themas deutlich: Es muss sich etwas verändern. Wir müssen ins Handeln kommen, wir müssen gemeinsam einen Weg finden. Das ist mit ein Grund dafür, dass wir eine Ausstellung zum Thema Natur machen.

Die Beziehung des Menschen zur Natur ist immer auch eine Machtbeziehung – inwiefern wird dies in der Ausstellung thematisiert?

Die Vorstellung, dass der Mensch Steinen, Pflanzen und Tieren übergeordnet ist, prägt die westliche Philosophie seit der Antike. Die "Natur" soll beherrscht werden – erforscht, erobert, verkauft. Es gab aber immer auch schon Erzählungen jenseits dieser Hierarchisierung. In der Ausstellung wollen wir dazu einladen, über die Stellung des Menschen in der Welt nachzudenken: Was, wenn wir uns bewusst machen, wie abhängig wir sind und wie verwoben mit dem, was uns umgibt?

Das, was wir Natur nennen, besitzt demnach eine Historizität – seit dem 19. Jahrhundert wurde dies auch vermehrt in Museen thematisiert. Ist "Natur. Und wir?" auch eine Ausstellung über Museumsgeschichte?

Nein, so würde ich das nicht sagen. Die Geschichte unseres Naturverständnisses ist nur ein Teil der Ausstellung. Sie lässt sich anhand von Objekten aus naturhistorischen Museen gut erzählen, weil diese von der ambivalenten Beziehung von Mensch und Natur zeugen. Für diesen Ausstellungsraum haben wir mit verschiedenen naturhistorischen Museen eng zusammengearbeitet – zum Beispiel mit dem Naturama. Sie haben ihr immenses Wissen, eindrückliche Objekte und viele spannende Geschichten aus ihren Sammlungen mit uns geteilt.

Einige dieser "Naturobjekte" haben eine problematische Provenienz. Wie geht Ihr damit um?

Wir machen sie zum Thema. Die Geschichte unserer Beziehung zur Natur hat mit Faszination und Bewunderung, aber auch mit Gewalt, Eroberungen und mit Kolonialismus zu tun. In einem Ausstellungsraum erzählen wir Fragmente dieser Geschichte mittels verschiedenster Naturobjekte – vom ausgestopften Steinbock bis zur Ameisensammlung. Da schwingt auch die Frage mit: Wo fängt "problematische Provenienz" eigentlich an? Ist es okay, einen Löwen zu schiessen und ihn auszustopfen, um ihn auszustellen? Schmetterlinge für die eigene Sammlung zu töten? Ameisen zu Forschungszwecken aufzuspiessen?

Was waren für Euch die grössten Herausforderungen bei der Erarbeitung der Ausstellung?

Natur ist ein unendliches und auch ein abstraktes Thema. Das herunterzubrechen und für ein breites Publikum zugänglich zu machen, fand ich sehr herausfordernd. Wir haben alles darangesetzt, dass der Ausstellungsbesuch eine poetische Reise wird, die mit allen Sinnen erlebbar ist und auch Spass macht. Wir haben versucht, die grossen, philosophischen Fragen mit den kleinen, alltäglichen und persönlichen zu verbinden. Ein winziges Beispiel: In unserem Körperleben zehnmal mehr Bakterien als es Körperzellen gibt, ohne sie könnten wir nicht leben. Dies lässt uns darüber nachdenken, wo die Grenze zwischen uns und "der Natur" verläuft.

Was nehmen Sie als Kuratorin persönlich mit?

Mehr Aufmerksamkeit für Mikroben, eine Faszination für die Fähigkeiten von Hunden, ein grösseres Bewusstsein für die riesigen Herausforderungen unserer Zeit sowie die Lust, mehr barfuss zu gehen.

Sonja Enz studierte Kulturanalyse, Geschichte der Neuzeit und Gender Studies an der Universität Zürich. Im Stapferhaus hat sie seit 2014 an verschiedenen Ausstellungsprojekten mitgewirkt. "Natur. Und wir?" hat sie in Co-Kuration mit Sibylle Lichtensteiger und dem Szenografiebüro Kossmanndejong (Amsterdam) konzipiert. Sonja Enz lebt in Zürich.


IM VERHÄLTNIS ZUR NATUR

Das Stapferhaus lädt mit der Ausstellung "Natur. Und wir?" zu einem Ausflug nach drinnen. Die Besucher*innen tauchen von Kopf bis Fuss in eine poetische Welt ein. Sie begegnen Hunden, Mikroben und einem Rasenmähroboter. Sie begeben sich auf die Spuren von Füchsen, kommunizieren mit Pflanzen und treffen auf einen Fluss, der eigene Rechte hat. Auf dem Weg durch die Ausstellung richten die Besucher*innen ihren Kompass neu aus und in einer interaktiven Debatte um die Zukunft der Natur entscheiden sie mit, wie es weitergehen soll.

LENZBURG, Stapferhaus, 30. Oktober 2022 bis 29. Oktober 2023