Persönliche Fluchtgeschichte

BÜHNE Regisseur Manuel Bürgin und Schauspielerin Nikola Weisse sind mit ihrem Stück «Vaters Aktentasche» am 13. und 14. Januar zu Gast im Kurtheater Baden. Die Zuschauer*innen erwartet eine in jeder Hinsicht aussergewöhnliche Aufführung.

TEXT Philippe Neidhart BILD Judith Schlosser

Die Schauspielerin Nikola Weisse forscht in der Vergangenheit ihres Vaters.

"Ich bin äussert behutsam an das Projekt herangegangen", erzählt Regisseur Manuel Bürgin über die Entstehung des Stücks "Vaters Aktentasche". Monatelang überlegte er, wie er die Geschichte von Nikola Weisse auf die Bühne bringen soll. Für ihn war das Unterfangen sehr ungewöhnlich und spannend, denn er kennt die Schauspielerin schon lange und ist seit Jahren mit ihr befreundet: "Eines Abends, als Nikola und ich uns bei einer Premiere begegneten, erzählte sie mir von ihrer Vergangenheit. Ihre Offenheit berührte mich."

Die deutsche Familie Weisse musste kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs aus Pommern vor der Roten Armee fliehen. Nikola war gerade mal vier Jahre alt. Damals - und auch lange Jahre später - wusste sie noch nicht, dass ihr Vater Mitglied der NSDAP war. Sie fand es heraus, als sie private Zeitdokumente sichtete, die sie in einem Aktenkoffer ihres Vaters fand.

Nachdem sich Bürgin und Weisse entschieden hatten, die Flucht der heute 79-Jährigen auf die Bühne zu bringen, untersuchten sie zusammen mit dem Musiker Sandro Corbat sowie dem Germanisten und Historiker Thomas Gamma die wiedergefundenen Dokumente.

Genau auf diesen Bildern, Texten und Büchern basiert nun das Theaterprojekt "Vaters Aktentasche": Manuel Bürgin hatte im Zuge der Recherche die Idee, die Vorbereitung auf das Stück selber zum Thema der Aufführung zu machen: "Wir arbeiten ohne grosse Inszenierung und ohne Theaterbrimborium", so der 45-jährige Regisseur und Schauspieler.

Die Zuschauer*innen dürfen in "Vaters Aktentasche" der 2014 mit dem Schweizer Theaterpreis ausgezeichneten Nikola Weisse beim Nachforschen und Erinnern zusehen. Dabei kommen auch drei ihrer Geschwister über Lautsprecher zu Wort - mit Erinnerungsfetzen. "Vaters Aktentasche" ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Geschichte, in der schwarz-weisses Täter-Opfer-Denken keinen Platz hat.

Und es ist eine Aufführung, die Authentizität vor Rampenlicht stellt. "Ich spürte, wie wichtig Nikola Weisse und auch ihren Geschwistern die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit war", sagt Bürgin.

BADEN Kurtheater
Mi/Do, 13./14. Januar