Leitartikel: Die männliche Herrschaft

Wir leben in einer Welt, in der ein Mann Präsident werden kann, der Frauen abwertet. Ist das Patriarchat etwa doch nicht zu Ende? Franziska Schutzbach, eine der wichtigen Stimmen in den aktuellen Geschlechterdebatten der Schweiz, schreibt, warum wir immer noch Feminismus brauchen, und denkt über die globale «Pussyrevolution» nach.

TEXT Franziska Schutzbach

Warum brauchen wir eigentlich Feminismus? Ist das Patriarchat nicht längst zu Ende? Seit der Wahl von Donald Trump stellt sich diese Frage wieder neu.

Millionen Menschenhaben sich an globalen Frauenmärschen beteiligt, weil - unter anderem - deutlich wurde: Wir leben in einer Welt, in der einer Präsident werden kann, der Frauen abwertet. Für viele schien so etwas bis vor kurzem undenkbar. Waren wir nicht gleichgestellt? Ja. Das sind wir. Zumindest gesetzlich.

Allerdings spricht sich gerade herum, dass das vielleicht nicht ausreicht. Dass Sexismus vor Gesetzen nicht haltmacht. Und dass die Freiheit der Frauen vielleicht nicht so umfassend war, wie manche glauben wollten. Denn was bedeutete gleichgestellt eigentlich? Bedeutete es nicht vor allem, dass Frauen in den vergangenen Jahrzehnten "wie Männer" werden sollten? Zum Beispiel, indem Berufstätigkeit und Erfolg zum alles bestimmenden Massstab weiblicher Emanzipation wurden?

Angleichung an die Männerwelt

Wir haben übersehen, dass die Prämissen der Freiheit zunehmend dem System entsprachen, aus dem Frauen sich einst befreien wollten. Die Freiheit der Frauen bedeutete eine Angleichung an eine von Männern vorgegebene Welt. Frauen wurden fit gemacht, um in der Männerwelt erfolgreich zu sein - wie zum Beispiel Sheryl Sandbergs Frauenprogramm "Lean In" zeigt.

Die Literaturwissenschaftlerin Hélène Cixous bemerkte schon in den 1970er-Jahren, dass Frauen sich oft an Männern oder männlichen Prämissen orientieren. Sie selbst habe anfangs für "den Vater" geschrieben. Nicht für ihren realen Vater, sondern für den symbolischen - das heisst für das "väterliche System". Sie wollte diesem System gefallen, es "bedienen", um erfolgreich zu sein, an die Orte der Macht zu gelangen, dort aufgenommen zu werden.

Ist das Patriarchat nicht längst vom Thron gestürzt?

Aber trifft das heute noch zu? Ist das traditionelle Patriarchat nicht längst vom Thron gestürzt? Erleben wir nicht eine Aufweichung geschlechterstereotyper Verhaltensweisen, eine Gender-Flexibilisierung? Wir haben heute Frauen in Führungspositionen, wir haben Lady Gaga, Transgender-Models und lesbische Politikerinnen.

Gleichzeitig bedeutete all das aber nicht das Ende der phallozentrischen Ordnung, sondern ihre Ausdifferenzierung durch eine marktliberale Logik: Die Erschliessung immer neuer Märkte führte dazu, dass auch ausgefallene Queer-Köpfe von der Modeindustrie als "subversive Chic "vereinnahmt wurden (die letzte H&M-Kampagne zeigte erstmals eine Transfrau).

Nicht zuletzt war der genderflexibilisierte Mensch dem Markt auch deshalb zuträglich, weil damit das "Modell Arbeiter" - das heisst die Einbindung in den Prozess der monetären Wertschöpfung - auf alle ausgedehnt werden konnte. Globale Unternehmen setzen seither auf Diversity-Programme und versuchen, Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Eine solche Inszenierung von Vielfalt legt nahe, es gäbe keine Ungleichheitsstrukturen mehr.

Männer spielen Fussball, Frauen spielen Frauenfussball

Konstruiert wurde der Traum vom "uncumbered self", einem unbelasteten, freien und erfolgreichen Selbst jenseits von Geschlechter-, Klassen- und Migrationsverhältnissen. Anders ausgedrückt: Im neoliberalen Diversitätsversprechen durften die anderen zur Norm gehören und mitmachen - sofern sie den männlich konnotierten Massstäben entsprachen.

Auf diese Weise ist ein "Patriarchat ohne Patriarchen" entstanden, eine Welt der Vielfalt, deren Massstab phallokratisch blieb. Das Männliche - aber auch das Weisse - repräsentierte weiterhin das Allgemeine. Partikular waren nur die anderen. Männer spielen Fussball, Frauen spielen Frauenfussball. Der Punkt ist, dass es zur Aufrechterhaltung einer solchen Ordnung nicht einmal Patriarchen braucht.

Bürgerliche Kleinfamilie bleibt Massstab

Es ist wie mit dem bürgerlichen Familienideal: Statistisch gesehen leben mehr Menschen längst in Patchwork-Konstellationen, Einelternfamilien oder gleichgeschlechtlicher Elternschaft, gleichwohl ist die vorherrschende Beziehungskultur die bürgerliche Kleinfamilie. Die Wirklichkeit ist seit Jahrzehnten pluralisiert, dennoch orientieren sich die meiste Menschen - oft unbewusst - an einem ganz bestimmten Familienmodell.

Auch Arbeitsmarkt, Produkte, Wohnungen, Familienrecht, Popkultur, Kinderbücher ... alles ist an diesem Massstab orientiert, ohne dass dieser tatsächlich gelebt würde. Wir brauchen also keine Kleinfamilien, um ein Kleinfamilienideal zu haben. Und wir brauchen keine Patriarchen, um am Männlichen orientiert zu sein.

Die symbolische Gewalt ist genauso wirksam

Gemäss dem Soziologen Pierre Bourdieu ("Die männliche Herrschaft", 1998) operiert das Patriarchat ohne Patriarchen nicht mit direktem Zwang und Gewalt, sondern mit dem Selbstverständlichen, Alltäglichen und Unbewussten. Damit soll nicht direkte Gewalt und Unterdrückung von Frauen verharmlost werden. Natürlich gibt es auch das. Aber die symbolische Gewalt ist ebenfalls wirksam.

Zu dieser symbolischen Gewalt gehört die mit der Moderne entstandene Vorstellung, die Frau sei etwas anderes als der Mann, nämlich sein Gegenteil. Die Aufklärung proklamierte die Überlegenheit der Vernunft - das waren die Eigenschaften des (männlichen) bürgerlichen Subjekts. Dem bürgerlichen Subjekt gegenüber definierte man das Nichtsubjekt: Frauen.

Das Weibliche wurde in einem hierarchischen Verhältnis zum Männlichen bestimmt und mit allen möglichen Zuschreibungen ausgefüllt: Mütterlichkeit, Heilige, Hure, Emotionalität, Natur. Das Männliche produzierte sich "seine Frauen", deren Funktion die Begründung des Männlichen als Norm war. Wir haben also kulturgeschichtlich nicht zwei Geschlechter, sondern eines, aus dem das andere abgeleitet wurde.

Siegerkriegsschreibung statt Sozialgeschichte

In der Schweiz wurde bis in die 1970er-Jahre gegen das Frauenstimmrecht argumentiert, Frauen seien nicht im gleichen Masse Subjekte. Und diese Anordnung wirkt bis heute. Sie zeigt sich zum Beispiel, wenn das Schweizer Fernsehen Dokumentarfilme wie "Die Schweizer" (2014) produziert mit dem Anspruch, die "Geschichte der Schweiz" zu zeigen, jedoch das Leben und Handeln von Frauen so gut wie gar nicht vorkommt.

Geschichte ist hier Männergeschichte. Erzählt wird eine Art Siegerkriegsschreibung, keine Sozialgeschichte. Es gibt keinen Alltag, keine Liebe, keine Abhängigkeit von Menschen, kein Gebären, keine Pflege. Erzählt wird der Mythos des autonomen Subjekts.

Die aggressive Männlichkeit zeigt, wie oberflächlich Diversity war

Spätestens seit der Wahl von Donald Trump ahnen viele, wie schnell dieser Mythos in maskulistische Überlegenheitsphantasmen umschlagen kann. Besonders, wenn sie sich mit weisser Suprematie verbinden. Die sich aktuell aufbäumende aggressive Männlichkeit zeigt, wie oberflächlich Diversity war. In amerikanischen Medien ist derzeit oft die Rede von einer "Toxic Masculinity", einer Art neu erstarkter und gefährlicher Männlichkeit, die sich auf traditionelle Ideale besinnt, sich Frauen einfach "greift" und auf die Vorherrschaft der Weissen pocht.

Ein Machismo, der nachts Hassbotschaften ins Internet schreibt - aber auch die zahlreichen Gewaltanschläge und Schiessereien werden als Ausdruck dieser neuen Männlichkeit gesehen. (Nicht zuletzt wird auch verhandelt, inwiefern "Toxic Masculinity" vor allem den Männern selbst schadet, ihrer Gesundheit, ihrer Lebensqualität.) Vielleicht ist "Toxic Masculinity" das letzte Aufbäumendes Patriarchats, das gegen seinen Untergang kämpft - eine letzte Reaktion auf die nicht mehr aufzuhaltenden Frauen, Lesben, Transmenschen und People of Color, deren Stimmen lauter werden und die bald das Steuer übernehmen könnten. Eine Reaktion auch auf eine zunehmend unsichere und globalisierte Welt, auf Prekarisierung und Arbeitslosigkeit.

Es braucht "Pussyrevolutionen"

Ich bin nicht sicher, ob die Analyse eines sich aufbäumenden Patriarchats zutrifft. Sicher bin ich aber, dass es globale Women's Märsche und "Pussyrevolutionen" braucht. Bewegungen, die der anhaltenden phallozentrischen Logik - ob toxic oder neoliberal - etwas entgegenhalten, die den Mythos vom allmächtigen, unverletzlichen, souveränen Selbst infrage stellen. Es geht um nichts Geringeres als um die Verschiebung der vorherrschenden Kulturgeschichte, darum, ihr die Autorität zu entziehen.

Eine wichtige Arbeit der Unterworfenen ist, ihre Zustimmung zur Unterwerfung innerlich aufzukündigen, die eigene Unterschiedlichkeit gegenüber dem Massstab zu betonen und versuchen, diese Unterschiedlichkeit in gesellschaftlichen Umlauf zu bringen. Aber worin könnte diese Unterschiedlichkeit bestehen? Ich denke, es geht darum, andere, "weibliche" Subjektformen zu erfinden. Subjektivitäten, die sich nicht selbst manifestieren, indem sie andere abwerten, kategorisieren oder gar auslöschen.

Es geht um eine Subjektivität, ein Menschsein letztlich, das sich nicht als allmächtig fantasiert. Eine Existenzweise, die die eigene Verletzlichkeit akzeptiert, die andere nicht von sich weisen muss, sondern weiss, dass die abhängig ist von anderen und deshalb auch "berührbar" und mithin veränderbar. Es geht um eine Subjektivität, die in Beziehung entsteht und folglich auch kein Massstab für andere sein kann.

Phallische Ordnungen sprengen

Sich von anderen "berühren" zulassen, bedeutet, hinterher nicht mehr dieselbe zu sein. Die Revolution der Unterschiedlichkeit ist keinesfalls in einem biologischen Sinn gemeint. Es geht nicht darum, dass Frauen sich als einheitliche Sonder-Subjekt-Gruppe definieren, mit irgendwelchen ursprünglichen Identitäten oder Fähigkeiten. Solche erneuten Kategorien gilt es abzulehnen, weil die Logik der Kategorisierung der phallischen Ordnung entspricht und weil Frauen verschieden sind.

Es kann also kein neues Weiblichkeitsideal geben. Die Position des Weiblichen kann aber politisch angeeignet werden, das heisst, sie ist etwas, mit der symbolisch eine radikal andere Position gegenüber dem vorherrschenden System reklamiert wird.

Auch Männer können dieses "Weibliche" als politische Position reklamieren, sie ist nicht von der Chromosomenkombination abhängig. Ich glaube, dass eine Veränderung der Gesellschaft hinzu weniger Gewalt und Unterdrückung nur möglich ist, wenn ein solcher oder ähnlicher Paradigmenwechsel stattfindet: Weg vom allmächtigen Subjekt, hin zu einer Ethik der Bezogenheit und der Relationalität. Denn letztlich kann nur frei sein, wer umsorgt ist. Verstrickung ist nicht das Gegenteil von Freiheit, sondern deren Voraussetzung. Der Schlüssel zu einer neuen Subjektivität, und damit zu einer neuen Form des Gesellschafts-Vertrags, liegt in der Struktur der Beziehung.

Neue Massstäbe finden

Die italienischen Diotima-Philosophinnen haben die Praxis des "Affidamento" entwickelt, eine Art Politik der Beziehungen unter Frauen, in der Frauen sich gegenseitig Autorität zusprechen. "Affidarsi" bedeutet "sich anvertrauen" und in Beziehung zu treten. Konkret bedeutet dies, dass Frauen - und alle die es wollen - bewusst überlegen können, von wem sie für ihr Handeln Anerkennung bekommen wollen, welchem "Urteil" sie sich "anvertrauen". Dadurch kann die oft automatische Orientierung an gängigen Paradigmen, eben am "Malestream" verschoben werden.

Die meisten Menschen haben sogenannte innere Autoritäten, die sie als Massstäbe für ihr Handeln setzen - indem sie sich zum Beispiel fragen: "Was würde wohl xy sagen?". Diese Orientierungen kann man selbst gewählt verschieben. Mit Affidamento ist nicht einfach "Frauensolidarität" gemeint (wir müssen nicht alle Schwestern sein). Vielmehr geht es gerade um Beziehungen unter Differenten. Es geht um die Ermöglichung von Unterschiedlichkeit und darum, selbst immer wieder anders zu werden. Wer sich berühren lässt, verändert sich.

Das statische souveräne Selbst ist eine Idee, die zwangsläufig eine hierarchische Grenze gegenüber anderen ziehen muss. Sich auf andere Frauen zu beziehen, bedeutet also, verschiedene Subjektivitäten zu ermöglichen. Eigene und die von anderen. Für mich ist das einer der Gründe, warum es Feminismus braucht. In der Pussyrevolution geht es darum, eine Vorstellung von Unterschiedlichkeit zu entwickeln, die nicht auf einer hierarchisierten Ordnung fusst.

Franziska Schutzbach ist Geschlechterforscherin, freie Publizistin und Bloggerin, feministische Aktivistin und Mutter von zwei Kindern. Sie forscht und lehrt an der Universität Basel. Zudem ist sie Mit-Herausgeberin der Plattform "Geschichte der Gegenwart ". www.geschichtedergegenwart.ch