Im Archivfieber

Unterwegs mit Manuel Cecilia

TEXT Robin Schwarz

Entlang der Geleise schlängelt sich die Strasse in die Wüstenei des Industriegebiets Windisch. Ein Wort, das mir – wie zu jedem Industriegebiet im Mittelland – in den Sinn kommt: unwirtlich. Schon vom Zug aus sieht man den grossen Neonschriftzug der Kabelwerke Brugg. Fast schon ein Wahrzeichen der Region. Ich gehe vorbei an Dutzenden kolossalen Kabelrollen, die auf eine gewisse Weise beliebig zusammengeworfen, auf andere Weise militärisch aneinandergereiht scheinen.

Da hinten – gibt es ein Antonym zum Wort Idylle? – treffe ich den Historiker Manuel Cecilia. Er lädt mich in die Ausstellung «Von Menschen und Maschinen» im Gebäude der Stiftung SBB Historic ein. Bevor ich überhaupt meine Eröffnungsfrage stellen kann, sind wir bereits mitten im Getümmel, sind sofort in den Kaninchenbau unseres Geschichtsverständnis gestürzt, reden über die Unzulänglichkeit grosser Narrative über unsere Geschichte, unsere Herkunft, «Meistererzählungen», wie Cecilia sie nennt.

Manuel Cecilia ist Autor. Er hat ein Buch über die Aargauer Firma Aeschbach AG geschrieben, die mit ihrer Teigknetmaschine das moderne Backgewerbe revolutioniert hat. Aktuell beschäftigt er sich mit der «Industriekultur»im Kanton Aargau und inventarisiert dabei historische Artefakte der Industrialisierung. Ausserdem ist er der neue Leiterdes Verbands Aargauer Museen und Sammlungen (Vamus). Zum Verband gehören etwa die Badener Langmatt, das Stapferhaus in Lenzburg oder das Aargauer Kunsthaus. Aber auch kleine Museen finden sich in der Mitgliederliste des Vamus wieder, zum Beispiel das Dorfmuseum Gontenschwil oder das Schaulager Küttigen. Ich wusste nicht einmal, dass es überhaupt ein Gontenschwil oder ein Küttigen gibt. Vielleicht ist genau das der Punkt. Dorfmuseen verschwinden, erzählt Cecilia. Meist fehlt es ihnen an Ressourcen, aber auch an Wegen, gerade junge Menschen zu erreichen. «Das wäre ein Verlust», sagt er. «In der heutigen Zeit schreitet die Anonymisierung voran, die Menschen sind nicht mehr mit den Orten verwurzelt, an denen sie leben». Dabei geht es Cecilia aber nicht um ein reaktionäres «Besinnen auf die eigenen Wurzeln», sondern mehr um eine detektivische Spurensuche nach der Antwort auf die Frage, weshalb wir so ticken, wie wir ticken. Denn nur allzu oft trügen (dieser Konjunktiv II passt hier auf sonderbare Weise) wir geschichtsvergessene Ideen und Mythen über uns selber herum, die eigentlich falsch sind und Gefahren bergen können. «Geschichte ist immer eine Konstruktion», sagt Cecilia, «das heisst aber nicht, dass sie nicht real wäre». Die Dinge geschehen, ob wir sie aufschreiben und interpretieren oder nicht. 

Die Zeit fliesst. Wir reden und reden. Ich vergesse die Zeit. Und die Frage, weshalb Cecilia ein ganzes Buch einer Teigknetmaschine gewidmet hat, scheint mir plötzlich obsolet. Am Ende sind die kleinsten Dinge Ursache und Wirkung grösserer Zusammenhänge, nichts existiert in einem Vakuum. Manuel Cecilia spricht mit glühender Begeisterung. Ich erinnere mich an den Text «Mal d’Archive» des französischen Philosophen Jacques Derrida, dessen Titel sich etwa mit «Archivfieber» übersetzen lässt. In diesem Werk plädiert Derrida für ein psychoanalytisches Verständnis des Archivs. In der Geschichte geht es um Absenzen, um Dinge, die drohen, vergessen zu werden, unterdrückt oder ausgeschlossen werden. «Die Geschichte ist meist jene derer, die reüssieren», sagt Cecilia. Wie wir Geschichte verstehen, sei immer auch eine Frage der Autorität. Kein Wunder, dass auch das Wort Archiv mit dem Altgriechischen «Archeion» – also Amtsgebäude – etwas Autoritäres beinhaltet, wie auch Derrida bemerkt. Dabei geht es bei Derrida darum, «verlorene Geschichten wiederzufinden». Denn was wir auslassen, fällt auch auf uns zurück. Zu finden, was wir auswählen, exkludieren, streichen, zensieren, hilft uns dabei, unsere eigene Geschichte zu verstehen. Oder anders: Manchmal macht einem das eigene Forschungsobjekt selber zum Objekt. «Die Dekonstruktion gängiger Geschichtsbilder ist für mich enorm lustvoll», sagt Cecilia. Aber es sei anstrengend, schwierig, manchmal schmerzvoll. «Da schwingt auch etwas Persönliches mit», sagt Cecilia, elaboriert aber nicht weiter. Da sei zum Beispiel der Mythos der genialen und erfinderischen Schweiz. Zur Zeit der Industrialisierung aber habe die Schweiz kopiert und kopiert, so wie es heute China tut. Sogar beim Patentrecht wurde gemauschelt, damit die damals erst gerade aufstrebende chemische und pharmazeutische Industrie weiterkopieren und -profitieren konnte. Oder die Porta Alpina, die unterirdische Bahnstation in der Mitte des Gotthards, ein kaum lohnenswertes Unterfangen, das, wenn Cecilia so spricht, fast grössenwahnsinnig-utopisch klingt. «Das ist typisch Schweiz», sagt Manuel Cecilia öfters. Und nie sind es die Dinge, die man gemeinhin als typisch verstehen würde, sondern jene, die etwas über die Schweiz an die Oberfläche bringen, die verdrängt werden, über die man nicht gerne spricht. Auch der Hammetschwandlift, ein über 150 Meter hoher Lift in die Berge, der erst auf den zweiten Gedanken offenbart, dass man mit ihm primär nicht befähigt wird, das Bergpanorama zu betrachten, sondern eher die Fähigkeit der Industrie, die Berge zu bezwingen. Denn früher waren die Berge kein Sehnsuchtsort, sondern einer des Horrors und der Gefahr.

Wir reden zu viel, als dass es mir möglich scheint, es irgendwie akkurat wiederzugeben. Wie ein Historiker muss ich weglassen, Dinge nicht erzählen. Unser Gespräch ist gleichzeitig so mäandernd und fokussiert, wie dieser Text, wie die Geschichte, wie das, was man in Archiven findet. Wie es die Historikerin Carolyn Steedman sagte: «Stories caught halfway through.»

 

Robin Schwarz ist freier Autor

 

Manuel Cecilia (*1977), hat Geschichte mit Schwerpunkten Mediävistik und Kunstgeschichte an der Universität Zürich studiert und ist diplomierter Sekundarlehrer und Präsident von Vamus.