«Müssen, wollen weitermachen!»

BÜHNE Die Schutzmassnahmen vor dem Coronavirus bringen das kulturelle Leben beinahe zum Erliegen. Wir haben Theaterschaffenden den Puls gefühlt.

TEXT Philippe Neidhart und Michael Hunziker

Belastende Ungewissheit

«Es fällt zugegebenermassen langsam schwer, die Durchhalteparole aufrechtzuhalten. Vor dem Lockdown hatten wir eine gute Saison. Während der Schliessung haben wir mit viel Motivation die neue Spielzeit geplant, und nun müssen wir erneut vieles absagen. Für uns als Kleintheater ist die Begrenzung auf 50 Personen verkraftbar, sofern wir auf die regulären Kulturförderbeiträge des Kuratoriums zählen können. Bis anhin halten uns unsere Sponsor*innen und Gönner*innen die Treue. Ohne sie wären wir in einer noch prekäreren Situation. Beim Kino denken wir über eine Saisonverkürzung nach, um die laufenden Kosten zu senken. Ob wir mit zusätzlicher Unterstützung wegen Mindereinnahmen rechnen können, ist ungewiss, diese Ungewissheit ist sehr belastend. Den Betrieb zu schliessen, wäre ein schlechtes Zeichen. Wir müssen und wollen weitermachen! Denn wir sind systemrelevant, auch wenn das auf der politischen Ebene noch nicht ganz gehört wurde. Als Schauspieler finde ich es schön, weiter auftreten zu können. Obwohl ich zur Risikogruppe gehöre, fühle ich mich durch die Konzepte der Veranstalter sehr gut geschützt.» Clo Bisaz, Leiter des Tab Reinach und Schauspieler im Ensemble Salto & Mortale

 

Warten auf Swisslos-Entscheid

«Wir haben den ersten Lockdown glimpflich überstanden, weil alle vom Team ehrenamtlich arbeiten und weil uns die Ortsbürger von Wohlen die Miete spenden. So fehlen uns ‹nur› die Eintrittseinnahmen der ausgefallenen Vorstellungen. Wir konnten den selbstständigen Künster*innen die halbe Gage auszahlen. Mit der zweiten Coronawelle hatten wir nicht gerechnet. Von den 90 Sitzplätzen haben wir nun auf die Hälfte reduziert. Den Betrag der fehlenden Sitzplätze haben wir Mitte Oktober bei Swisslos eingegeben, aber wir haben noch keinen Bescheid für Unterstützung erhalten. Wir hoffen, dass wir weiterhin spielen können und die Leute zu unseren Vorstellungen kommen. Zuversichtlich haben wir auch bereits unser nächstes Programm verschickt. Und ebenso hoffen wir, dass wir die Unterstützung von Swisslos erhalten.» Eva Keller Steimen, Präsidentin Sternensaal Wohlen

 

Das Ernten der Früchte bleibt aus 

«Ich habe gerade ein intensives Programm, stehe mit dem Theater Marie in zwei Produktionen, «Verdeckt» und «Geld, Parzival», auf der Bühne. Dieses an sich gute Jahr wird durch die Krise getrübt, denn trotz der vielen Arbeit werden sich die Früchte wohl nicht ernten lassen: Denn es ist zu erwarten, dass wir viel weniger Gastspiele haben werden, da andere Veranstalter, die uns buchen, nicht an die Vorstellungen kommen. Zudem verunmöglicht uns das Virus, wirklich Theater zu spielen und richtig zu proben. Auf der Bühne kannst du keine Distanzregeln einhalten – mich befällt manchmal schon ein mulmiges Gefühl. Obwohl ich bis jetzt für alle ausgefallenen Auftritte Honorar erhalten habe, rechne ich früher oder später mit Folgeschäden. Nun vor reduziertem Publikum zu spielen, ist speziell. Uns fehlt der «zwölfte Mann» – die Intensität ist einfach eine andere, wenn du vor 300 Leute spielst, die Resonanz fehlt mir. Ich würde ein bedingungsloses Grundeinkommen für Künster*innen für die Dauer der Krise und ihrer Nachbeben begrüssen.» Sandra Utzinger, Schauspielerin

 

Kunst ist mehr als nur Dekoration

«Es ist uns ein Anliegen, dass Kulturveranstaltungen – wenn auch in kleinerem Rahmen – stattfinden. Es ist für die Künstler*innen lebenswichtig, dass sie auftreten können, wir haben eine Verantwortung ihnen gegenüber. Die positiven Rückmeldungen eines sehr dankbaren Publikums zeigen uns, dass Kunst mehr als nur Dekoration ist; sie ist notwendig. Dabei ist es einerseits traurig, dass wir den Saal nicht füllen dürfen, andererseits sind es immerhin 50 Leute, die das Theater erleben. Finanziell ist es natürlich ein Desaster; neben den Ticketeinnahmen fehlen uns auch Einkünfte an der Bar. Zudem sind sämtliche privaten Vermietungen abgesagt worden. Auch der administrative Mehraufwand ist enorm. Bei den Schulvorstellungen mussten wir die Klassen neu aufteilen, da solche aus verschiedenen Schulhäusern nicht gemischt werden sollten. Weil sich ganze Schulen kurzfristig abgemeldet haben, sind viele Aufführungen ganz ausgefallen. Das ist für uns und die Künstler*innen sehr schmerzhaft und frustrierend; man investiert viel Zeit, obwohl etwas nicht stattfindet. Wie lange wir den Betrieb aufrechterhalten können, hängt unter anderem auch davon ab, ob wir eine Entschädigung für die fehlenden Eintritte erhalten werden. Ohne öffentliche Gelder und die Planungssicherheit, die wir dadurch haben, gäbe es uns längst nicht mehr, oder hätte es uns nie in dieser Form gegeben. Es zeigt sich jetzt, wie dumm und falsch die Annahme ist, dass sich ‹gute Kunst› selbst tragen könne.» Nadine Tobler, Leitung Thik Baden

 

«Wir spüren eine grosse Dankbarkeit»

«Gerade in diesen unsicheren Zeiten sind Kunst und Kultur ein unverzichtbarer Teil unseres Zusammenlebens. Sie spenden uns Lebensmut. Sie zeigen uns, wie wir mit Krisen umgehen können – und wie eben nicht. Und sie legen offen, was unser Gemeinwesen auch unter aussergewöhnlichen Umständen im Innersten zusammenhält: Solidarität und Offenheit, Aufmerksamkeit füreinander und Neugierde. Die Bühne Aarau hat sich aus der tiefen Überzeugung heraus, dass Kunst in diesem Sinne ‘systemrelevant’ ist, entschlossen, seinen Spielbetrieb mit reduzierter Kapazität fortzusetzen. Das ist eine – gelinde gesagt – ausgesprochen zwiespältige Erfahrung. Einerseits schmerzt es ungemein, in einem nur zu 40 Prozent vollen Saal zu spielen und zu wissen, dass viele Interessierte nicht kommen können. Andererseits: Die Zuschauer*innen kommen, wir sind fast immer ausverkauft, und wir spüren eine grosse Dankbarkeit, dass wir dem Virus einen Funken Kultur entgegensetzen. Wie lange wir den Betrieb noch aufrechterhalten können, hängt in erster Linie davon ab, wie hoch die Einnahmeausfallentschädigung des Kantons ausfällt. Wenn wir die Lücke zwischen den budgetierten und den tatsächlichen Einnahmen durch diese Hilfe schliessen können, sind wir in der Lage, noch längere Zeit durchzuhalten. Peter-Jakob Kelting, Künstlerischer Leiter Bühne Aarau

 

«Für viele ist Kultur systemrelevant»

«Wir finden es wichtig, weiterhin Schauspiel, Tanz und Musiktheater zu zeigen, gerade jetzt in dieser Zeit, wo die Angebote immer rarer werden. Wir spüren auch eine gewisse Sehnsucht des Publikums nach Theater und haben für unseren Entscheid sehr viel positives Feedback erhalten. Gerade in dunkleren Zeiten stellt sich heraus: Für viele ist Kultur systemrelevant. Die 50er-Vorstellungen kamen bislang hervorragend an, das Publikum war sehr dankbar. Wie es weitergeht, ist im Moment aber sehr schwer vorherzusagen. Wir planen im Moment bis Weihnachten. Das hängt auch ein wenig davon ab, wie sehr die Kultureinrichtungen von der öffentlichen Hand in dieser Krise unterstützt werden. Wir hoffen sehr auf den Support von Bund, Kanton und den Stiftungsgemeinden. Doch ich bin ein optimistischer Mensch. Durch die guten Nachrichten in Sachen Impfstoff sind die Aussichten nicht mehr ganz so trostlos. Trotzdem gehe ich davon aus, dass der Theaterbetrieb über die ganze Saison eingeschränkt sein wird. Und ob wir im Spätsommer 2021 unsere Theaterfeste, die wir zur feierlichen Wiedereröffnung des Kurtheaters für diesen Oktober geplant hatten, nachgeholt werden können, wage ich heute noch nicht zu hoffen.» Uwe Heinrichs, Künstlerischer Direktor Kurtheater Baden