Kosmos Kino. Badens Kinogeschichte

Die Filmwelt fasziniert uns mit Stars und Sternchen, roten Teppichen, kämpfenden Giganten und Millionenbudgets. Über die Kinos hingegen lesen wir – wenn überhaupt – nur Besorgniserregendes. Seit Jahren geht das Kinosterben um. Aber trotzdem lebt dieser Raum weiter, erfindet sich immer neu. Ein Beitrag zur Kinogeschichte anlässlich der neuen Sonderausstellung im Historischen Museum Baden.

TEXT Dominik Sauerländer und Rahel Grunder

Seit Jahren stellen sich Kinobetreiber*innen diese Fragen. Welche Umgebung, welche Dienstleistung will das Publikum, wenn es sich Filme anschaut? Es ist ein bisschen wie mit dem Onlineversandhandel: Das Netz der Netze macht den Gang ins Warenhaus oder eben ins Kino überflüssig. Das Kino wird wieder einmal totgesagt. Das ist nichts Neues, wie ein Blick in die spannende Geschichte des Lichtspieltheaters zeigt.

Laterna magica - Illusion von Bewegung

Bereits im 17. Jahrhundert projizierte die Laterna magica mithilfe einer Lampe und einem Linsensystem Bilder an die Wand. Mit einfachen Mitteln konnte dabei auch die Illusion einer Bewegung er­zeugt werden. 1895 gilt als Geburtsjahr des Kinos. Die Gebrüder Lumière zeigten am 28. Dezember im Salon Indien des Grand Café in Paris erste Stummfilme auf Zelluloid. Sie hatten dazu den revolutionären Kinematografen entwickelt, der mit 35-mm-Rollfilmen be­- stückt wurde. Mit diesem Gerät konnte man Filme sowohl auf­nehmen wie auch wiedergeben. Vom Kinematografen leitet sich der Name "Kino" ab.

Die ersten Filme waren nicht nur stumm, sondern auch kurz. Mehr als eine knappe Minute gab die Technik noch nicht her. Die Attraktivität der Kinematografen verbrauchte sich aber rasch. Die kurzen Filmchen langweilten das verwöhnte Publikum. Als 1897 bei einem Projektorbrand 73 Menschen ums Leben kamen, schien die Zeit des Stummfilms bereits vorüber.

Die laufenden Bilder überlebten aber. Auf Jahr­märkten unterhielten sie nun das einfache Volk - mit grossem Erfolg. Die Wanderkinos waren - ähnlich wie Zirkusunternehmen - mit grossen Zelten und mehreren Wagen unterwegs und zeigten mitunter neben Filmen auch lehrreiche Ausstellungen und andere Attrak­tionen. Livemusik begleitete die Filmvorführungen, manchmal führte auch ein Filmerzähler durchs Programm. Im Aargau tourte der Unternehmer Philipp Leilich durch die Städte und Dörfer. In Baden galt sein Wanderkino ab 1905 als sehnlichst erwartete Attraktion.

Auch der Rapperswiler Gastwirt Willy Leuzinger verschrieb sich dem Filmgeschäft. Er war mit seinem "Schweizer National-Cinema" bis 1943 in der Inner- und Ostschweiz unterwegs und zeigte Filme in Zeltkinos, in Sälen und Turnhallen. Wie viele andere Kinobetreiber der ersten Stunde zeigte Leuzinger auch selber produzierte Filme.Mit seiner Kamera war er an Turnfesten, Sportanlässen und Jahr­märkten unterwegs und filmte die Leute - die nachher ins Kino drängten, um sich selber in einem der Filme zu sehen.

Stummfilme im Badener "Kosmos"

Bereits im frühen 20. Jahrhundert wurden die Kinos aber auch wieder sesshaft. Leer stehende Verkaufsläden oder Werkstätten, von denen es damals in jeder Gemeinde Dutzende gab, wurden umgenutzt. Die Ladenkinos - heute würde man sie wohl Pop-up-Kinos nennen - waren geboren. Es waren dunkle, stickige Räume mit zwielichtiger Atmosphäre. In Baden zeigte Adolf Prosicky im 1910 eröffneten "Kosmos" jeden Abend bis zu acht Stummfilme für wenig Geld.

In Aarau begann die Kinosaison sogar noch ein Jahr früher mit Georg Eberhardts Kino im Hammerquartier. Wie überall gehörten auch Jugendliche zum treuen Stammpublikum. Die ehrenwerte Bürgerschaft sah das nicht gerne. In Baden musste das "Kosmos" 1912 aus feuerpolizeilichen Gründen schliessen. Im Hintergrund dürfte aber die Sorge um Sitte und Moral eine Rolle gespielt haben. Denn der Stadtrat erliess auch gleich ein Kinoverbot für die ganze Stadt.

Mit der Produktion von längeren und anspruchsvolleren Filmen stiegen die Ansprüche an die Vorführräume. Gleichzeitig galt es, den zahlreichen Kritikern des Kinobetriebs den Wind aus den Segeln zu nehmen. Filmvorführungen sollten nicht länger in der gesellschaftlichen Schmuddelecke stattfinden, sondern wieder in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft zurückfinden. Es begann die Zeit der repräsentativen Kinopaläste.

... dann kam Marie Antoine aus Paris

In Zürich eröffnete der Gastwirt Jean Speck 1912 mit den Zürcher Palace-Lichtspielen eines der ersten grossen Kinos der Schweiz. Ein Jahr später zog auch Baden nach. Marie Antoine aus Paris hatte beim Regierungsrat erfolgreich gegen das Badener Kinoverbot rekurriert und konnte nun das "Radium" eröffnen. Mit nur 300 Plätzen war es zwar kein Palast, im Vergleich zu Prosickys Ladenkino aber sehr feudal. Die Eröffnungspremiere mit dem Drama "Die letzte Liebe einer Königin" fand zugunsten des Spitals und der katholischen Kirche statt - eine Versöhnungsgeste an die weiterhin misstrauischen Stadtbehörden. Wer will, kann das Gebäude nach wie vor besichtigen, es beherbergt heute das Kulturhaus Royal.

Sterk-Dynastie

Noch vor dem Aufkommen des Tonfilms veränderte sich die Aargauer Kinowelt rasant. Innerhalb weniger Jahre entstanden in allen Städten neue Kinos. In Georg Eberhardts 1923 neu eröffnetem Aarauer "Casino" begleitete ein Dreimannorchester die noch stummen Filme. In Wettingen begann im selben Jahr der Kinobetrieb im heute noch bestehenden "Orient". Der aus dem Zürcher Speck-Imperium stammende Eugen Sterk - ein Neffe Jean Specks - eröffnete 1920 in Lenzburg die Löwen-Lichtspiele und 1922 in Brugg das "Odeon".

1928 folgte das "Sterk" in Baden. Zur Premiere hiess ein repräsentatives Haus­orchester die Gäste im modernsten Kino des Kantons willkommen. Eugen Sterk liess sich in Baden nieder. Seine Nachkommen führen in vierter Generation ein Unternehmen, das die Kinokultur in Baden und Wettingen bis heute prägt. Die Region gilt - gemessen an den Besucherzahlen - als einer der besten Kinoplätze der Schweiz. Mit der Verbreitung des Fern­sehens in den 1950er-Jahren begannen die Besucherzahlen der Kinos zu sinken. Um mehr Filme parallel zeigen zu können, ersetzten viele Betreiber die grossen Säle durch mehrere kleine. An der Peripherie der Städte entstanden Multiplex­ki­nos mit bis zu 18 Sälen.

Obwohl sich die Anzahl Kinos welt­weit stark verringert hat, gibt es in den Schweizer Städten im europaweiten Vergleich immer noch viele Säle - trotz neuer Konkurrenz durch Internetstreaming, das die Videotheken der 80er- und 90er-Jahre mittlerweile verdrängt hat. Dass das Kino überlebt, ist zu einem gewichtigen Teil der Kreativität der Kinobetreiber zu verdanken. Sie gestal­ten anspruchsvolle Programme, setzen regionale oder thema­tische Schwerpunkte, veranstalten spezielle Events wie Vor­premieren, Direktübertragungen von Opern oder auch den Tag des Kinos (dieses Jahr am 3. September). Sie investieren in Technik, Betrieb und Architektur, erweitern ihr kulinarisches Angebot.

Wo dies nicht mehr geht, springen ehrenamt­lich Tätige ein. Sie führen Kinos als Programmkinos weiter, wie zum Beispiel das "Orient" in Wettingen. Und auch im Hochsommer ist Kino heute attraktiv: Open Air und Drive-in locken ins Freie. Waren Sie schon im Aargauer Autokino, zuhinterst in der Love Lane, und Sie haben wieder mal ungestört geknutscht, während vorne auf der Leinwand John Travolta und Uma Thurman twisteten?

"Kosmos Kino" - Ausstellung

Die Regisseurin und Drehbuchautorin Rahel Grunder und der Szenograf Dan Jakob inszenieren den Kosmos Kino als begehbaren Film, als erlebbare Wirklichkeit, als Kopfkino: Der einstige Kinobesitzer René Marchal nimmt Sie mit auf eine Zeitreise durch die Kinogeschichte am Beispiel von Baden. In der Ausstellung verschmelzen historische Objekte mit reich ausgestatteten Kinoräumen im Kleinformat und machen Geschichte hautnah erlebbar.

BADEN Historisches Museum. Vernissage: So, 3. September, 11 Uhr.
3. September bis 25. Februar 2018. www.museum.baden.ch

Foto: Das Kino Radium in Baden um 1925. Heute Kulturlokal Royal. Quelle: Stadtarchiv Baden