Momentaufnahmen aus der rennenden Zeit

AUSSTELLUNG Das Fotofestival findet dieses Jahr zum dritten Mal an verschiedenen Orten in Lenzburg statt. In den Ausstellungen, Workshops und Talks dreht sich alles um die Entschleunigung der Zeit.

TEXT Gianna Rovere BILD Nils Selte

Aus der Serie «Renaissance» vom Berliner Fotografen Nils Stelte, ausgestellt am Fotofestival Lenzburg. Foto: Nils Stelte

Die Frau im gemusterten Pullover reckt ihre Arme in die Höhe und lehnt sich mit den Händen an die Wand: Der Berliner Fotograf Nils Stelte hat sie auf der Suche nach geistiger Regeneration mit seiner Kamera eingefangen. Sein Projekt «Renaissance» trifft den Nerv der Zeit und ist eines von vier Portfolios, die von der Jury für den Fotowettbewerb des Fotofestival Lenzburg ausgewählt wurden. «Seine Fotografien und vor allem seine Bildauswahl stachen aus über 250 Einsendungen heraus. Die Serie erzählt vom Kampf mit Stress und von der Flucht von Städter*innen in esoterische Selbstfindung. Das passt wunderbar zu unserem diesjährigen Thema des Festivals: ‹Zeiten unter Druck›», sagt die Festivalleiterin Margherita Guerra. 

 

Ein Mittel, um zu verstehen 

2017 wurde das Fotofestival vom Verein Lenzburger Gesellschaft für Fotografie gegründet, um relevante Fotografieausstellungen mit dem Fokus auf Vermittlung auch abseits der grossen Zentren erlebbar zu machen. Denn sowohl Bilder wie auch das Fotografieren sind von unserem Alltag nicht mehr wegzudenken; aber es herrscht die Gefahr, dass die Bedeutung von professionellem fotografischem Arbeiten vergessen wird. «Die Fotografie soll ein Mittel sein, unsere Welt und unsere Gesellschaft besser zu verstehen. In der heutigen Bilderflut wird es immer schwieriger, diese Talente zu entdecken», erklärt Guerra. Mit diesem Ziel werden jedes Jahr Projekte gesucht, die Brüche zwischen Alltags- und Highlevelfotografie kreieren und das Festival zu einem Erlebnis für ein breites Publikum machen. So auch in der Hauptausstellung «Divided We Stand» im Stapferhaus: Das renommierte Schweizer Fotografenduo Monika Fischer und Mathias Braschler ist für ihre dokumentarische Fotoarbeit 2019 für vier Monate durch vierzig US-Staaten gefahren und wollte herausfinden: Wo stehen die Menschen in diesem Land? Sie porträtierten Bürger*innen aus allen Gesellschaftsschichten und versuchten, ihre Geschichten vom Druck politischer, sozialer und persönlicher Veränderungen in der schnell rennenden Zeit einzufangen und als Momentaufnahme in Fotografie zu übersetzen. 

 

LENZBURG Alte Bleiche, Stapferhaus und andere Orte, 12. September, 14 Uhr (Eröffnung, Bleiche). Bis 25. Oktober, jeweils Fr/Sa/So