Mein Volkswohl

Kolumne von Jens Nielsen

TEXT Jens Nielsen BILD zvg

Kürzlich hatte ich die Einsicht, dass ich älter werde, und nahm mir vor, das zu bekämpfen. Ich ging ins Brockenhaus und kaufte eine Sportbekleidung. Damit ging ich in ein Fitnesscenter, löste einen Eintritt, zog mich locker um und schlenderte zu den Gewichten. Ich nahm die kleinste Hantelstange in die Hände und machte damit luftig auf und ab. Du musst da Gewicht dranhängen, sagte jemand hinter mir. Ich drehte mich, da stand einer. Ich fragte ihn, wie viel Gewicht empfehlen Sie? So viel, dass du die Bewegung gegen Widerstand ausführen musst. Sonst nützt sie nichts. Ach so. Aber der Widerstand hierherzukommen, zählt der nicht? Nein, sagte er. Verstehe, sagte ich, gut, also. Während er zu seiner Stange ging, dort atmete, wie um ein Nashorn anzugreifen, daraufhin die Stange voller Hantelscheiben griff und hochriss, um zu platzen, wie ich dachte. Doch er platzte nicht. Stattdessen führte er die Hantel wieder auf den Boden und schien damit am Ziel.

Ich suchte mir nun selber eine Stange aus, an die schon einiges Gewicht gelegt war. Ich bückte mich, um sie zu heben, doch sie war unbeweglich. Ich nahm die meisten Hantelscheiben weg, nun konnte ich sie heben, aber ich machte kreissende Geräusche und meine Arme wurden lang. Ich spürte, mein Gesicht fing an zu weinen. Einen Moment lang stand ich da, dann riss die Schwerkraft mir die Stange aus den Händen und krachte zu Boden. Da akzeptierte ich mein hohes Alter. Ich ging mich umziehen, warf meine Sportkleider in den Abfalleimer, verliess das Fitnesscenter, betrat ein wiedereröffnetes Lokal und bestellte Alkohol und Fett.

Jens Nielsen wollte ursprünglich die Hundeschule besuchen, wurde dann aber Schauspieler und Autor. Er ist Mitglied der Musikformation SEN-Trio mit Ulrike Andersen und Hans Adolfsen und arbeitet regelmässig für SRF2 Kultur. Einige seiner Vergehen sind hier aufgeführt: www.jens-nielsen.ch