Magma aus dem Epizentrum

Londoner Tagebuch von Géraldine Honauer

TEXT Geraldine Honauer

Hier in London arbeite ich gerade an der Schnitt- stelle von modernen Technologien, Wissenschaft, Kunst und deren Geschichte. Frage mich dabei, was hätte wohl Capability Brown mit den Mitteln gemacht, die wir heute haben. Der bedeutende Landschaftsarchitekt Brown aus dem 18. Jahrhundert gehört zu einer meiner derzeitigen Inspirationsquellen. Mit ihm und seiner Garten- und Landschaftsgestaltung lässt sich wunderbar über die Überschneidung von Natur und künstlicher «natürlicher» Landschaft reflektieren. Seine «Natürlichkeit» war letztlich das Ergebnis sorgfältiger Komposition, die sich an der Ästhetik der idealen Landschaftsmalerei orientierte.

Mein Atelier und eines der am schnellsten wachsenden Gebieten der Stadt liegt dort, wo die drei Gewässer Bow Creek, River Lea und Limehouse Cut im Herzen Ostlondons zusammentreffen – «minutes from the city, metres from the water» ist ein Slogan der Investoren. Das Wasser, übersäht mit Algen, erscheint hier giftgrün. Die Folge: kein Sonnenlicht kommt bis in die Tiefe der Gewässer, und somit verringern sich Nahrung und Sauerstoffgehalt in den Kanälen. Wasserverschmutzung, ein in Grün erscheinendes Problem. In der Lea lassen Ebbe und Flut Zeit wie ein Pendel sichtbar werden. Die Erde bebt, die Stadt wird gebaut. Auf der Baustelle wird die Zeit der Ruhe aufgeholt. Wie lange man wohl hier noch bohrt, bis das Magma aus den Löchern explodiert und sich so vom Erdkern befreit, ist mir noch nicht klar. Ich recherchiere im Naturhistorischen Museum, trage geologische, seismographische Daten zusammen, um sie später mit meiner Formensprache zu verschränken.

Folgen die Leser*innen den QR-Codes, die hier einem Filmstreifen gleichend aufgereiht sind, kommen sie zu Soundbruchstücken, quasi direkt in mein Londoner Bergwerk. Auf dem Bild ist ein Granitblock mit Xenolith-Einschlüssen vor einem Magma-Hintergrunddruck zusehen. Wenn Magma – ein Gemisch aus glühend heißem geschmolzenem Gestein, Kristallen und Gasen – sich der Erdoberfläche nähert, kühlt es ab und bildet Gestein wie Granit. Auf seiner Reise zur Oberfläche kann das Magma andere Gesteine mitnehmen, wie den schwarzen Xenolith, der in diesem Granitstück eingeschlossen wurde.

 

ZUR PERSON

Géraldine Honauer (*1986 in Aarau) ist bildende Künstlerin. Ein Schwerpunkt ihres Schaffens bilden Aneignung von Material, Sprache, Funktionalität und die Destabilisierung ihres Wertes durch die Verschiebung ihres Kontextes. Honauers Arbeiten manifestieren sich meist als Installationen, die von einem kunstkritischen Ansatz und einer ortsspezifischen Recherche geprägt sind. Honauer war Mitglied des «Atelier Bleifrei» in Aarau und ist heute Mitglied und Mitgründerin des Offspace und Künstlerhauses «Palazzina» in Basel.