Lockerung

Kolumne von Jens Nielsen

BILD zvg

Der erste milde Nachmittag seit – eben. Mit draussen sitzen auf Terrassen. Mit Bedienung. Zugegeben, die Terrasse wählte ich spontan. Hauptsache offen. Ich habe mich eben gesetzt, bestellt und warte nun anständig auf meinen Kaffee. Ich denke etwas Gutes. Da sehe ich, auf jedem Tisch im Garten steht ein Glas, ein hohes mit solidem Fuss, dekorativ. Im Glas auf meinem Tisch liegen zuunterst Kieselsteine. Darüber hat es Fetzen von verdorrtem Moos. Über dem Moos weitere Steine, sie sind bunt bemalt. Auf diesen Steinen liegt eine Schicht bezaubernder Holzraspel. Darin eine Kugel Styropor, die ist beklebt mit Knoblauchzehen. Doch. Auf der Kugel liegt noch mehr Moos. Darauf steht ein Modellhäuschen, es wohnt ein Krebs darin. Nebenan sitzt eine Eule aus Papiermaché auf einem ganzen Knoblauch. Die Eule ist geschminkt, aber der Krebs schaut gar nicht hin. Aussen am Glasrand hält sich ein Frosch fest.

Die Wirtin kommt und bringt mir meinen Kaffee. Ich bedanke mich, lehne mich zurück, um den Kaffee zu geniessen. Aber es misslingt. Anstatt ihn zu trinken, halte ich die Kaffeetasse über dieses Glas und drehe dort die Tasse um. Der Kaffee plätschert auf die Eule. Ihre Schminke im Gesicht verwischt, die Eule quillt. Der Krebs wird aus dem Haus gespült. Der Kaffee sickert durch das Moos, es sackt zusammen. Die bemalten Kiesel werden überschwemmt. Dem Frosch ist nichts passiert. Ich nehme ihn vom Glas ab und werfe ihn in eine Gartenhecke nahebei. Ich stelle meine Tasse in die Untertasse, sorgfältig und überlege kurz. Dann suche ich den Blickkontakt zur Kellnerin und hebe meine Hand.

Jens Nielsen wollte ursprünglich die Hundeschule besuchen, wurde dann aber Schauspieler und Autor. Er ist Mitglied der Musikformation SEN-Trio mit Ulrike Andersen und Hans Adolfsen und arbeitet regelmässig für SRF2 Kultur. Einige seiner Vergehen sind hier aufgeführt: www.jens-nielsen.ch