Lieder vom Ausbrecherkönig

Unzählige Anekdoten umgeben das Schicksal des Aargauers Bernhart Matter, der als Letzter im Kanton hingerichtet worden war. Das neue Theaterstück über sein Leben hinterfragt mit Elan und Musik die alten Legenden.

TEXT Kristin T. Schnider BILD T+T Fotografie

Bringen den Matter-Stoff zum Klingen: Isa Wiss, Vito Cadonau, Lukas Mantel, Herwig Ursin, Christoph Baumann (v. l.).

Zwischen Lenzburg und Staufen, umgeben von Wohnblöcken, liegt ein unscheinbarer Platz. Darauf stehen eine Statue aus Holz, ein Gedenkstein und fünf Bäume. Es ist der Fünflindenplatz. Die Statue stellt Bernhart Matter dar, auch der Gedenkstein ist ihm gewidmet, und über der ehemaligen Richtstätte, auf der er, zum Tode verurteilt, 1854 geköpft worden war, wächst das Gras. Ein Verbrecher also, den getreu dem Buchstaben des Gesetzes seine Strafe rechtmässig ereilt hatte?

Matter ist fester Bestandteil der Aargauer Geschichte und der ortseigenen Mythen, die von ihm als Robin Hood, Don Juan und vor allem als Ausbrecherkönig erzählen. Dass die damals noch nicht perfektionierten Gefängnisse seiner Sehnsucht nach Freiheit nicht standhielten, ist eine Tatsache. Die Stories vom Volkshelden hingegen entsprechen seinem Leben als Dieb und eigentlich "armen Cheib" kaum. Verheiratet war er, bis seine Frau sich scheiden liess, aber von seinem Liebesleben ist wenig bekannt. Aber charmant sei er gewesen. So einer, ein Dieb, der hauptsächlich Nahrungsmittel stahl und nie jemandem ein Haar gekrümmt hatte, wird im Alter von 33 Jahren hingerichtet?

Im Kurtheater Baden entlässt das Team, das die Neuinszenierung des Stoffes entwickelt hat, Bernhard Matter aus den Fesseln der Heldengeschichten. Im spannenden Zusammenspiel von Musik, Text und Videos erzählen und singen Herwig Ursin und Isa Wiss von Matters Leben, schildern einen seiner Gefängnisausbrüche, und lassen auch seine Frau zu Wort kommen. "Wir haben eine Form von Musiktheater gewählt", sagt Regisseur Nils Torpus, "weil Musik im Grunde lebensbejahend ist. Die Lied­texte – vom Matter-­Experten Markus Kirchhofer verfasst – und die erzählten Episoden basieren auf dem bekannten Buch von Nold Halder und entfalten sich auf dem Klangteppich der Band auf der Bühne.

Projektionen haben wir im Wortsinne den Videoeinspielungen überlassen." Auf der Bühnenwand erscheinen bildgewordene Assoziationen zum Leben und Sterben Matters, alte wie neue, und immer wieder eine Aufnahme des leeren, harmlosen Fünflindenplatzes. Sichtlich eine Einladung, sich zu Bernhart Matters Schicksal seine eigenen Gedanken zu machen, und sich vielleicht zu fragen, wie es mit der Auslegung der Gesetze und sogar der Todesstrafe heutzutage aussieht.

BADEN Kurtheater Fr/Sa, 22./23. Oktober, 19.30 Uhr