Liebeslieder vor den Festungen

Die Künstlerin Marianne Halter beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit verschiedenen vom Menschen gestalteten Räumen. Was diese über uns verraten und was ein Minnesänger in einem Villenviertel in Johannesburg sucht, erzählt sie im Interview.

TEXT Michael Hunziker BILD zvg

Marianne Halter.

Marianne Halter, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Serie von "verhäuslichten" Funktionskästen zu machen?

Marianne Halter: Das war in dem Sinne keine eigentliche Idee, sondern ich bin auf der Insel Elba schlicht auf diese Bauten gestossen. Ich beschäftige mich ja thematisch mit Architektur und Stadtentwicklung. Diese individuell gestalteten Wasserverteilkästen als Motiv haben mich ge­wissermassen angesprungen. Mir schien, dass das, was sie erzählen, über die eigentliche Funktion hinausgeht und bin deswegen ihrer Spur nachgegangen.

Die Serie heisst "... und weitere Versprechen". Was erzählen uns diese Häuschen?

Sie sind eine Art Stellvertreter für die Vorstellungen und auch die Verhältnisse der Hausbesitzer*innen. Manche wollen repräsentieren, andere sind eher schäbig. Sie sind individuell gestaltet, nicht wie bei uns die Funktionskästen, die die öffentliche Hand bei uns unterhält. Die Häuschen auf Elba sind Zeichen einer Aushandlung, das Private dringt in den öffentlichen Raum. Zudem zeigen sie mir eine gestalterische Tätigkeit der Bevölkerung, die ich auch humoristisch lese. Die Relationen sind ja etwas durcheinandergeraten, die grossen Ziegel im Verhältnis zur Grösse des Kastens, das wirkt komisch.

Lebensräume und urbane Architektur sind in Ihrer Kunst ein zentrales Motiv. Was macht diese Räume so interessant?

Mich interessiert, was die Räume mit unserem Verhalten machen, wie sie uns beeinflussen. Fühle ich mich durch sie eingeladen oder ausgegrenzt. Wir haben uns im Alltag an viele Raumtypologien gewöhnt und nehmen ihre Intentionen gar nicht mehr bewusst wahr. Dabei gibt die Architektur Aufschluss über die ihr zugrundeliegenden Ideologien. Sie zeigt soziale Aspekte auf, die wir als Selbstverständlichkeiten gar nicht hinterfragen. Man kann Spuren der Menschen entdecken, die sich in den Räumen ablegen. Manchmal gibt es Momente der Irritation, wenn nicht ganz klar ist, was ein bestimmter Raum nun ist: etwa wenn die Fenster zugemauert sind. Architektur interessiert mich aber auch schlicht ästhetisch und visuell.

In einer anderen Arbeit sieht man einen Menschen vor Mauern singen...

Das ist eine gemeinsame Arbeit mit Mario Marchisella, der vor den Grundstückmauern in einem hochgesicherten Villenviertel von Johannesburg Liebeslieder singt, wie ein Minnesänger. Damit bricht er mit Rollen, sein Verhalten entspricht nicht mehr den Konventionen. Manchmal gab es belustigte Reaktionen des Security-Personals, die ei- gentlich nicht viel zu tun haben und eher gelangweilt sind. In den Strassen läuft ja kaum jemand herum. Bloss einmal durften wir nicht filmen. Die Vorgärten werden alle video- überwacht, in dem Sinne ist es ein Zurückfilmen. Unser Video zeigt das erfolglose Werben des Minnesängers. Von diesen Mauern, der Abschottung, kommt nichts zurück.


Marianne Halter (51) ist bildende Künstlerin. Ihre Arbeiten sind derzeit in der Gruppen­ ausstellung «my home is my castle» im Forum Schlossplatz zu sehen.