Licht aus dem Hexenschloss

Unterwegs mit Wicca Meier-Spring

TEXT Florian Binder

Hoch über dem Wynental thronend befindet sich das Reich von Wicca Meier-Spring, die sich als moderne Hexe definiert und nach eigenen Angaben «bloss über sinnliche Kräfte » verfügt. Hier, zwischen den Gemäuern des Schlosses Liebegg unweit von Gränichen, befindet sich auch seit 2018 das Hexenmuseum Schweiz. Der ehemalige Adelssitz sei ein freundlicher und neutraler Ort, «ohne Kerker und Folterkammer », sagt die Aargauerin beim Treffen. In dieser lieblichen Ecke wolle sie ihr Wissen über das Hexentum teilen und Aufklärungsarbeit über die düstere Zeit der Hexenverfolgungen leisten: «Man soll die Schrecken und die unschuldigen Toten nicht vergessen», sagt die 55-Jährige, deren Vorname so viel bedeutet wie weiser, wohlwollender Mensch. 

Spukende Geister und Heilpflanzen 

In den nach verschiedenen Themen eingerichteten Räumen des Schloss-Museums erfahren die Gäste mehr über die mysteriöse Welt der Hexen. Zahlreiche Ausstellungsobjekte aus der ganzen Welt lassen sich entdecken und locken jährlich rund 5000 Besuchende aus nah und fern an: Das wohlriechende Kräuterzimmer zum Beispiel ist dem Gebrauch von Heilpflanzen gewidmet, «einem wichtigen Aspekt der Hexerei». In einem anderen Raum liegen «schwarze, verbotene Bücher» aus verschiedenen Epochen auf, aus denen schon die Harry Potter-Autorin J. K. Rowling Zaubersprüche abgeschrieben hat. Ein paar Schritte weiter geht es dann um Geister, die anscheinend auch die Liebegg heimsuchen: «In diesem Schloss spukt es», ist die Kuratorin überzeugt. Beim Aufbau des Museums sind immer wieder Werkzeuge auf unerklärliche Weise bewegt worden, erzählt sie. Man brauche aber keine Angst zu haben, beschwichtigt sie, denn «es sind freundliche Gespenster». Mut mitbringen müssen die Besucher*innen im Bereich über die Hexenverfolgung, wo Hintergründe aufgezeigt werden und auch echte Henkersschwerter ausgestellt sind … Über dieses finstere Kapitel unserer Geschichte forscht Meier-Spring seit nun über 30 Jahren und hat dafür zehntausende historische Dokumente ausgewertet. Sie kennt die Entwicklungen, die im Mittelalter ihren Anfang nahmen und mit der Hinrichtung Anna Göldins 1782 in Glarus langsam ein Ende fanden.

Eigensinnig, talentiert und verfolgt 

Das Hexentum definiert sie als spirituelle Suche und als Selbstverwirklichung, ohne Guru oder Meister: «Hexen machen und denken selbst. Sie sind eigensinnig, weil sie sich nicht an äusseren Autoritäten orientieren, sondern sich ihr eigenes Bild machen.» Es gehe um die Arbeit am eigenen Selbst und um eine enge Beziehung zur Natur und ihren Elementen. Für Meier-Spring, die schon im Kindergarten «gehexelt» und Zaubertränke aus gesammelten Kräutern und Baumrinden hergestellt hat, ist klar: Weise Frauen und Männer mit aussergewöhnlichen Talenten hat es schon immer gegeben. «Als Hexen galten früher Männer und Frauen, die mit Geistern kommunizierten und Geheimwissen über die Natur besassen.» Mit Kräutern hätten sie kranke Menschen und Tiere geheilt und seien in den Dorfgemeinschaften hoch angesehen gewesen. Mit der Vormachtstellung der Kirche im Mittelalter habe sich ihr Bild dann zum Negativen verschoben. «Menschen wurden denunziert und für Dinge zur Verantwortung gezogen, für die man keine Erklärung hatte», sagt Meier-Spring. «Ihre Verfolgung war immer auch ein Instrument der Unterdrückung und Machtausübung.»

Sündenböcke auf dem Scheiterhaufen

So seien während der Pest oder bei unerklärlichen Wetterphänomenen viele Frauen, Männer und Kinder als Sündenböcke missbraucht, der Ketzerei angeklagt und zuerst von der Kirche und später durch weltliche Gerichte verurteilt worden. Auch Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen wurde nachgesagt, sie hätten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Nicht zuletzt führten Missgunst und Neid zur Denunziation: Mit der Hexenbeschuldigung konnten Konkurrenten oder Gläubiger aus dem Weg geräumt werden. 90 % aller der Hexerei Beschuldigten wurden umgebracht, sagt Meier-Spring, wobei hierzulande 60 % der Opfer Frauen oder Kinder gewesen seien. «Frauen hatten eine schlechtere rechtliche Stellung und konnten leichter verurteilt werden.» Von weltweit 60 000 Fällen habe es allein in der Schweiz mindestens 12 000 dokumentierte Hexenverurteilungen gegeben. «Wir nahmen eine traurige Spitzenposition ein», sagt Meier-Spring. Das sei auch damit zu erklären, dass die Schweiz zentral auf der Nord-Süd-Achse und auf Handelsrouten gelegen sei. 

Angekommen in der Mitte der Gesellschaft

In der heutigen Gesellschaft, in der Kirche und Religion keine grosse Rolle mehr spielen würden, hätten Hexen einen normalen Stand. Das spiegele sich auch im Kulturschaffen wider, wo die Figur der Hexe weitverbreitet und in vielen Filmen und Büchern anzutreffen sei. Laut Meier-Springs Schätzung gibt es in der Schweiz heute zwischen 3000 und 5000 Personen, die sich als moderne Hexen verstehen. Doch trotz allen Fortschritts würden immer noch nicht alle öffentlich dazu stehen, aus Angst davor, was andere denken könnten. So ist Meier-Spring zwiegespalten: «Es wäre schön, wenn wir schlauer und aus unseren Fehlern lernen würden, aber da bin ich nicht optimistisch.» Ihre Arbeit auf Schloss Liebegg wird also weiterhin nötig bleiben.

Florian Binder ist Barkeeper und freier Autor

 

WICCA MEIER-SPRING

Die selbsternannte moderne Hexe (55) leistet mit dem Hexenmuseum Schweiz in Gränichen Aufklärungsarbeit. Auf Schloss Liebegg können Besucher*innen die unterschiedlichen Facetten dieser Thematik entdecken.